
Der reaktive Dackel – am Beispiel „Dackel kläfft im Fahrradkorb“ erklärt
Wenn mich jemand fragt, welches Thema ich beim Dackel am meisten unterschätzt sehe, dann ist es nicht der Rücken und nicht die Sturheit – es ist die Reaktivität. „Mein Dackel rastet aus, sobald ein Radfahrer kommt.“ „Er bellt jeden anderen Hund an, dabei ist er sonst so lieb.“ „Im Fahrradkorb dreht er völlig durch.“ Solche Sätze höre ich ständig. Und fast immer steckt dahinter kein bösartiger, kein „schwieriger“ Hund, sondern ein ganz normaler Dackel, der mit der Reizmenge um ihn herum schlicht überfordert ist. In diesem Beitrag erkläre ich dir aus Trainersicht, was Reaktivität wirklich bedeutet, warum gerade Dackel so anfällig dafür sind – und ich gehe ganz konkret mit dir durch, wie du deinen Dackel ruhig und sicher an den Fahrradkorb gewöhnst. Letzteres ist nämlich ein wunderbares Beispiel, weil dort fast alle Bausteine zusammenkommen, die einen reaktiven Dackel ausmachen.
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Übrigens gibt es auf Dackelwissen.de unzählige Beiträge zum Thema Ruhe und Gelassenheit, eine kleine Übersicht gibt es hier: Konditionierte Entspannung da könnte ihr dann alle Links folgen.

Was bedeutet „reaktiv“ eigentlich?
Reaktiv heißt im Kern: Dein Hund reagiert auf bestimmte Reize stärker, schneller und länger, als es die Situation eigentlich hergibt. Wo ein anderer Hund kurz hinschaut und weitergeht, kippt der reaktive Hund regelrecht – er bellt, zieht in die Leine, fixiert, jault, springt hoch oder zittert. Wichtig ist das Wort „überdurchschnittlich“. Es ist völlig normal, dass ein Hund einen vorbeifahrenden Radfahrer wahrnimmt. Reaktiv wird es erst, wenn diese Wahrnehmung in eine Überreaktion umschlägt, die der Hund nicht mehr selbst herunterregeln kann.
Mir hilft im Alltag ein einfaches Bild, das ich auch meinen Hundehaltern mitgebe: Stell dir vor, du stehst gleichzeitig auf einem lauten Jahrmarkt, in einem Konzert und in einem Gewitter – und das jeden einzelnen Tag beim Spaziergang. Genau so fühlt sich die Welt für einen stark reaktiven Hund an. Sein Nervensystem ist permanent auf Empfang, die Reizschwelle liegt niedrig, und schon eine Kleinigkeit bringt das Fass zum Überlaufen. Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein Zustand des Nervensystems. Und das ist die gute Nachricht: An diesen Zustand kann man arbeiten.
Ganz entscheidend ist außerdem, dass Reaktivität fast immer mit dem Erregungslevel zusammenhängt – mit dem, was wir Trainer „Arousal“ nennen. Ein Hund, der ohnehin schon hochgefahren ist, weil er zu wenig Ruhe hatte, zu viel Action, zu wenig Schlaf, der reagiert auf denselben Radfahrer viel heftiger als ein ausgeglichener Hund. Deshalb fängt Reaktivitätstraining nie erst in der Situation an, sondern lange vorher – beim allgemeinen Stresspegel deines Dackels.
Mehr lesen: Der reaktive Hund und beachtet auch unbedingt den Beitrag Dackel bellt, denn diese Beiträge sind im Zusammenhang auch wichtig.

Reaktiv ist nicht gleich aggressiv
Diese Unterscheidung ist mir besonders wichtig, weil sie über das ganze Image deines Hundes entscheidet. Aggression ist zielgerichtet: Der Hund will Abstand schaffen oder etwas verteidigen und setzt dafür bewusst Drohsignale ein. Reaktivität dagegen ist meist eine emotionale Überforderung – Angst, Unsicherheit oder Frust, die sich laut und wild Bahn brechen. Ein reaktiver Dackel, der einen anderen Hund anbellt, will diesen in den allermeisten Fällen gar nicht angreifen. Er kommt mit der Situation emotional nicht klar und „schreit“ das raus.
Warum ist das so wichtig? Weil ein Hund, der ständig als „aggressiv“ abgestempelt wird, anders behandelt wird, als er es bräuchte – mit Härte, mit Strafe, mit noch mehr Druck. Genau das verschlimmert Reaktivität aber, weil es den Stress erhöht. Ich sage meinen Haltern deshalb klar: Ein reaktiver Dackel ist kein Problemhund. Er ist ein Hund mit einem Problem – und das lässt sich lösen.
Warum gerade Dackel oft reaktiv reagieren
In über drei Jahrzehnten mit Hunden, davon viele Jahre intensiv mit Dackeln, habe ich gelernt: Die Rasse erklärt unglaublich viel. Reaktivität fällt beim Dackel nicht vom Himmel, sie hat handfeste züchterische Gründe.
Der Jagdtrieb. Der Dackel ist ein durch und durch jagdlich gezüchteter Hund – ursprünglich für die Arbeit unter der Erde am Dachs und Fuchs, dazu für die Arbeit auf der Fährte und das laute Verbellen. Jagen ist beim Dackel kein „Fehlverhalten“, sondern tief in den Genen verankert. Und Jagdverhalten ist selbstbelohnend: Sobald der Hund hetzt, fixiert oder verbellt, wird sein Körper mit Adrenalin und Endorphinen geflutet – ein regelrechter Rauschzustand, der alles andere ausblendet. Genau dieser Mechanismus macht bewegte Reize so brisant. Ein vorbeisausender Radfahrer, ein rennender Hund, ein flüchtendes Eichhörnchen – das alles spricht dasselbe Hetzsystem an. Reaktivität und Jagdtrieb sind beim Dackel oft zwei Seiten derselben Medaille.
Die Selbstständigkeit. Unter der Erde, im Bau, kann kein Mensch mitentscheiden. Der Dackel musste dort allein Lösungen finden und mutig vorgehen. Diese Eigenständigkeit ist genau das, was wir an der Rasse lieben – und gleichzeitig der Grund, warum ein Dackel im Reiz nicht automatisch zu dir schaut, sondern erst einmal selbst handelt. Er ist kein Hund, der von Natur aus an deinen Lippen hängt. Das musst du dir erarbeiten.
Die niedrige Reizschwelle bei Bewegung und die Lautstärke. Dackel sind dafür gezüchtet worden, am Wild laut zu geben – der typische, schrille Dackel-Jagdlaut. Dieses „Sich-laut-Melden“ sitzt tief. Ein reaktiver Dackel, der bellt, tut also genau das, wofür Generationen von Vorfahren selektiert wurden. Das macht das Bellen so hartnäckig und erklärt, warum „einfach mal ruhig sein“ für diesen Hund alles andere als selbstverständlich ist.
Mit Paul, meinem rotem Langhaardackel, merke ich das im Wohnmobil-Alltag ständig. Wir sind viel solo unterwegs, waren lange in Italien, und Paul ist im Grunde ein souveräner Reisehund. Aber sobald wir an einer Promenade entlangrollen und alles an ihm vorbeizieht – Radfahrer, andere Hunde, Jogger, spielende Kinder – sehe ich, wie sein kleiner Kopf anfängt zu arbeiten. Das ist kein „Ungehorsam“. Das ist ein Jagdhund, dessen System bei Bewegung anspringt. Genau deshalb taugt der Fahrradkorb so gut als Trainingsbeispiel.
Woran du Reaktivität bei deinem Dackel erkennst
Die meisten Halter sehen nur das große Finale – das Bellen, das Ziehen, das Hochspringen. Dabei kündigt sich Reaktivität fast immer vorher an, und genau diese leisen Signale sind für das Training Gold wert. Wenn du sie lesen lernst, kannst du eingreifen, bevor dein Dackel „über der Schwelle“ ist.
Achte auf diese Anzeichen, idealerweise schon aus der Distanz:
- Fixieren: Der Blick bleibt starr an einem Punkt kleben, der Körper friert kurz ein.
- Höhere Körperspannung: Die Rute geht hoch, das Gewicht verlagert sich nach vorn, die Muskeln spannen an.
- Beschwichtigungssignale: Lippenlecken, Gähnen, Kopf abwenden, Hecheln ohne Anstrengung – das zeigt Stress, oft schon bevor es laut wird.
- Nicht mehr ansprechbar: Dein Dackel nimmt das beste Leckerli nicht mehr, hört dich nicht mehr. Das ist das sicherste Zeichen, dass er bereits über seiner Schwelle ist.
Diese Schwelle ist das wichtigste Konzept überhaupt. Unterhalb der Schwelle ist dein Hund lernfähig, ansprechbar, kann Futter annehmen. Oberhalb der Schwelle ist Training sinnlos – da läuft nur noch das Stresssystem. Das ganze Training, das jetzt kommt, hat ein zentrales Ziel: deinen Dackel so oft wie möglich unterhalb der Schwelle zu halten und diese Schwelle Stück für Stück anzuheben.

Die fünf Bausteine im Training des reaktiven Dackels
Reaktivität bekommt man nicht mit einem einzigen Trick in den Griff, sondern über mehrere Bausteine, die ineinandergreifen. Ich arbeite immer mit denselben fünf – und beim Fahrradkorb wirst du sehen, dass am Ende alle fünf gebraucht werden.
Hier mehr Trainingsbeispiele: Dackel an Fahrradkorb gewöhnen
1. Management und Reizmanagement: Abstand ist dein bester Freund
Bevor du überhaupt trainierst, musst du den Alltag so gestalten, dass dein Dackel nicht ständig über seine Schwelle gerät. Jedes Mal, wenn er in der Situation komplett ausrastet, festigt sich dieses Verhalten – er übt sozusagen das Eskalieren. Management heißt: vorausschauen, Abstand vergrößern, ausweichen. Wechsle die Straßenseite, dreh rechtzeitig um, geh in den Bogen. Jeder Meter mehr Abstand senkt die Reizintensität. Das ist kein „Kneifen“ und keine Kapitulation, sondern die Grundlage, auf der überhaupt erst gelernt werden kann.
2. Ruhe- und Entspannungstraining: das Fundament
Ein Hund, der nie richtig zur Ruhe kommt, ist dauerhaft hochgefahren – und damit dauerhaft kurz vor der Schwelle. Gerade Dackel werden oft chronisch unterschätzt im Bedürfnis nach Schlaf und Reizpause. Erwachsene Hunde brauchen erstaunlich viel Ruhe am Tag. Ich baue deshalb immer zuerst ein echtes Ruhetraining auf: eine feste Decke oder ein Platz, der ausschließlich mit Entspannung verknüpft wird. Dorthin gibt es nur ruhige Kausachen, sanfte Streicheleinheiten, kein Action-Spiel. Der Hund lernt, dass dieser Platz „Runterfahren“ bedeutet. Das ist die Vorstufe zu allem Weiteren – und übrigens auch zum Fahrradkorb, denn der soll am Ende genau so ein Entspannungsort werden.
3. Impulskontrolle: erst denken, dann handeln
Impulskontrolle ist die Fähigkeit, einen ersten Impuls zu unterdrücken und stattdessen eine ruhigere Alternative zu wählen. Beim Dackel, der von Natur aus eigenständig und schnell „auf eigene Faust“ handelt, ist das echte Arbeit – aber lernbar. Kleine Alltagsübungen wirken hier Wunder: Futter wird erst freigegeben, wenn der Hund kurz wartet. Die Tür geht erst auf, wenn er sich gesetzt hat. Das Spielzeug fliegt erst, wenn er kurz Blickkontakt hält. Jede dieser Mini-Übungen trainiert das, was du in der Reizsituation dringend brauchst: dass dein Dackel nicht sofort in den Reiz schießt, sondern den Bruchteil einer Sekunde innehält und zu dir orientiert.
4. Frustrationstoleranz: aushalten, dass nicht alles sofort geht
Sehr viel Reaktivität beim Dackel ist gar keine Angst, sondern Frust. Der Hund will zum Reiz hin – zum anderen Hund, zum Radfahrer, zum Eichhörnchen – darf oder kann aber nicht, und dieser Stau an Erregung entlädt sich im Bellen und Toben. Frustrationstoleranz bedeutet, dass dein Hund lernt, dieses „Ich-will-aber-nicht-sofort“ auszuhalten, ohne zu explodieren. Das baust du über kontrolliertes Warten auf: kurze Wartezeiten, die du langsam steigerst, immer belohnt durch das ruhige Aushalten selbst. Ein Dackel mit guter Frustrationstoleranz ist deutlich entspannter, weil nicht mehr jede kleine Verzögerung sofort zum inneren Druck wird.
5. Antijagdtraining und Reizumlenkung
Den Jagdtrieb kannst du deinem Dackel nicht wegtrainieren – und ehrlich gesagt willst du das auch nicht, denn er gehört zum Wesen der Rasse. Was du aber kannst: das Verhalten umlenken und kontrollierbar machen. Im Kern geht es darum, dass dein Hund lernt, sich bei einem Reiz an dir statt am Reiz zu orientieren, und dass die Belohnung dafür mindestens so gut ist wie der Reiz selbst. Zwei Werkzeuge sind hier unverzichtbar: ein bombenfester Aufmerksamkeitswechsel (der Hund schaut auf ein Signal hin zu dir) und ein Markersignal, das ihm punktgenau sagt „genau das war richtig“. Dazu kommt, dass jagdliche Energie einen Ausgleich braucht – kontrollierte Sucharbeit, Fährte, Schnüffelspiele. Ein Dackel, der seinen „Jagdmotor“ auf erlaubte Weise auslasten darf, ist im Alltag viel weniger getrieben.
Praxisbeispiel: den Dackel entspannt an den Fahrradkorb gewöhnen
Jetzt wird es konkret. Der Fahrradkorb ist deshalb so ein gutes Beispiel, weil hier wirklich alles zusammenkommt, worüber wir gerade gesprochen haben. Dein Dackel sitzt erhöht, bewegt sich mit Tempo durch die Welt, und alles zieht an ihm vorbei: Hunde, Radfahrer, Jogger, Vögel, Autos. Für einen jagdlich veranlagten Hund ist das ein Dauerfeuer an bewegten Reizen – und gleichzeitig kann er nichts davon erreichen. Das ist der perfekte Cocktail aus Jagdtrieb und Frust. Kein Wunder, dass so viele Dackel im Korb bellen wie am Spieß.
Das Ziel ist also nicht nur „Hund sitzt im Korb“, sondern „Hund liegt entspannt im Korb und kann die vorbeiziehenden Reize aushalten, ohne hochzufahren“. Wir bauen das in fünf Phasen auf. Bitte hetze nicht – jede Phase darf so lange dauern, wie dein Dackel braucht. Zwei, drei kurze Einheiten am Tag von wenigen Minuten bringen dich weiter als eine lange.
Vorab: Sicherheit und Ausrüstung
Bevor das Training startet, muss der Korb sicher sein. Dein Dackel darf unter keinen Umständen herausspringen können – ein Sprung aus dem fahrenden Korb ist für den langen Dackelrücken brandgefährlich. Sichere ihn deshalb mit einer kurzen Sicherungsleine, die an einem gut sitzenden Geschirr befestigt ist. Und ganz wichtig, weil ich danach oft gefragt werde: Nimm beim Dackel ein normales, gut angepasstes Hundegeschirr ohne Brustring vorne. Geschirre mit Frontclip (Zug vorne an der Brust) sind für den Dackelrücken nicht geeignet – sie wirken ungünstig auf die empfindliche Wirbelsäule. Ein einfaches, sauber sitzendes oder ein speziell auf den Dackel angepasstes Geschirr ist hier die richtige Wahl. Der Korb selbst sollte stabil stehen, gut gepolstert sein und so tief, dass dein Hund bequem liegen kann.
Phase 1: Der Korb wird zum Lieblingsplatz (im Stand)
Wir fangen ganz ohne Fahrrad an. Stell den Korb zu Hause auf den Boden, an einen ruhigen Ort. Jetzt geht es nur um eines: Dein Dackel soll lernen, dass dieser Korb der schönste Ort der Welt ist. Wirf Leckerli hinein, lass ihn freiwillig hineinsteigen, lobe ruhig, wenn er drin ist. Niemals hineinheben und festhalten – das erzeugt genau den Widerstand, den wir nicht wollen. Anfangs reicht es, wenn er nur hineinschaut oder eine Pfote hineinstellt. Belohne jeden Schritt in die richtige Richtung.
Wenn er entspannt hineinsteigt, fütterst du ihn ein paar Mal im Korb und lässt ihn wieder heraus, bevor er unruhig wird. So bleibt die Erfahrung positiv. Ich habe das mit Paul über mehrere Tage gemacht, immer nur kurz, immer mit seinen besten Leckerli – irgendwann ist er von allein in den Korb marschiert und hat mich angeschaut, als wollte er sagen: „Und jetzt das Gute, bitte.“ Genau diesen Punkt willst du erreichen.
Phase 2: Ruhe und Entspannung im Korb
Jetzt verbinden wir den Korb mit dem Ruhetraining aus Baustein 2. Leg eine vertraute Decke hinein, am besten die, die dein Hund vom Entspannungsplatz schon kennt. Gib ihm eine ruhige Kausache im Korb und sitz einfach daneben. Es geht nicht mehr um Action und Futter werfen, sondern darum, dass „Korb“ jetzt „runterfahren“ bedeutet. Belohne ruhiges Liegen mit sanfter, leiser Stimme oder einem ruhig zugeschobenen Leckerli – nichts, was ihn wieder aufdreht.
Steigere die Zeit langsam: erst eine Minute, dann zwei, dann fünf. Dein Dackel soll lernen, im Korb tatsächlich abzuschalten, im Idealfall sogar zu dösen. Erst wenn er das im Stand, in Ruhe, zuverlässig kann, gehen wir zur Bewegung über. Dieser Schritt ist die halbe Miete – ein Hund, der im Korb grundsätzlich entspannen kann, hat eine viel höhere Schwelle, wenn später die Reize dazukommen.
Phase 3: Bewegung ohne Reize
Jetzt kommt das Fahrrad ins Spiel, aber noch ohne die Außenwelt. Befestige den Korb, sichere deinen Dackel, und schiebe das Rad zunächst nur ein paar Meter – im Schritttempo, an einem ruhigen Ort ohne andere Hunde, Radfahrer oder Wild. Es geht ausschließlich darum, dass er sich an die Bewegung, das leichte Wackeln und die neue Perspektive gewöhnt. Bleib ruhig, sprich freundlich, belohne entspanntes Verhalten. Wird er unruhig, hältst du an und wartest, bis er sich wieder fängt, bevor du weitergehst.
Steigere ganz allmählich: erst schieben, dann kurze, langsame Strecken fahren, immer noch in reizarmer Umgebung. Erst wenn dein Dackel die reine Bewegung entspannt mitmacht, fügst du im nächsten Schritt die eigentliche Herausforderung hinzu – die Reize.
Phase 4: Reize systematisch und in Distanz einbauen
Das ist der Kern des Reaktivitätstrainings und hier kommen Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und Antijagdtraining zusammen. Das Prinzip heißt Gegenkonditionierung und Desensibilisierung: Dein Dackel soll lernen, den vorbeiziehenden Reiz mit etwas Gutem zu verknüpfen, statt mit Hochfahren – und das aus einer Distanz, in der er noch unter seiner Schwelle bleibt.
Such dir einen Ort, an dem in einiger Entfernung ab und zu ein Reiz auftaucht, zum Beispiel ein Weg, auf dem in der Ferne mal ein Radfahrer oder Spaziergänger vorbeikommt. Wichtig ist der Abstand: weit genug, dass dein Dackel den Reiz zwar wahrnimmt, aber noch ansprechbar bleibt und Futter nimmt. Sobald der Reiz auftaucht, gilt: Reiz erscheint, Gutes passiert. In dem Moment, in dem dein Hund den Radfahrer sieht, fängst du an, ihn ruhig und großzügig zu füttern, und hörst auf, sobald der Reiz wieder weg ist. So entsteht im Kopf deines Dackels die Verknüpfung „Radfahrer bedeutet, dass von meinem Menschen jetzt etwas Tolles kommt“ – statt „Radfahrer, dem muss ich hinterher“.
Wenn dein Hund anfängt, bei einem Reiz von sich aus zu dir zu schauen, ist das der Durchbruch. Genau dieses freiwillige Orientieren belohnst du am höchsten – das ist die Reizumlenkung aus Baustein 5 in Reinform. Erst wenn das in der großen Distanz zuverlässig klappt, verkleinerst du den Abstand minimal. Immer nur einen Schritt. Geht dein Dackel über die Schwelle (bellt, nimmt kein Futter mehr), warst du zu nah dran – dann vergrößerst du den Abstand wieder, ohne zu schimpfen. Du hast schlicht die Dosis falsch gewählt, das ist kein Drama.
Bei Paul war genau das der Knackpunkt. Anfangs habe ich den Fehler gemacht, ihn zu nah ans Geschehen zu bringen – Promenade, Stoßzeit, alles auf einmal. Ergebnis: Dauerbellen, kein Ankommen. Erst als ich radikal auf Abstand gegangen bin und ihm bei jedem entfernten Radfahrer kommentarlos sein Lieblingsfutter zugesteckt habe, kippte es. Nach ein paar Einheiten hat er beim Auftauchen eines Radfahrers von selbst den Kopf zu mir gedreht – und das ist der Moment, auf den man hinarbeitet.
Phase 5: Generalisieren und in den Alltag holen
Hunde verallgemeinern schlecht – was am ruhigen Feldweg klappt, klappt noch lange nicht an der belebten Strandpromenade. Deshalb übst du das Gelernte nach und nach an verschiedenen Orten, mit unterschiedlichen Reizen und in steigender Dichte. Aber immer nach demselben Prinzip: lieber eine Stufe leichter als eine zu schwer. Plane Routen bewusst so, dass dein Dackel überwiegend Erfolge sammelt, und beende jede Ausfahrt, solange es noch gut läuft – nicht erst, wenn er schon überdreht ist.
Und vergiss die Basis nicht: Ein gut ausgeschlafener, ruhetrainierter, ausgelasteter Dackel sitzt entspannter im Korb als einer, der ohnehin schon am Limit läuft. Reaktivitätstraining ist immer auch Alltagsmanagement.
Häufige Fehler, die ich immer wieder sehe
- Zu schnell, zu nah. Der mit Abstand häufigste Fehler. Wer das Tempo des Hundes überholt, übt am Ende nur das Eskalieren. Lieber kleinschrittig und langsam – das ist am Ende der schnellere Weg.
- Das Bellen bestrafen. Wer einen reaktiven Dackel für sein Bellen maßregelt, erhöht den Stress und damit die Reaktivität. Du bekämpfst das Symptom und verschärfst die Ursache. Arbeite an der Emotion, nicht gegen den Lärm.
- Reaktivität mit Auslastung verwechseln. „Der muss einfach mehr müde gemacht werden“ stimmt selten. Mehr Action heizt das Erregungssystem oft zusätzlich an. Ein reaktiver Dackel braucht meist mehr Ruhe und Kopfarbeit, nicht mehr Tempo.
- Den Jagdtrieb wegtrainieren wollen. Das funktioniert nicht und frustriert beide Seiten. Lenke ihn um und gib ihm ein erlaubtes Ventil.
- Inkonsequenz. Gerade beim eigenständigen Dackel zählt Verlässlichkeit. Wenn dieselbe Situation mal so und mal so läuft, kann er nicht lernen, worauf er sich verlassen kann.
Fazit: Dein reaktiver Dackel ist kein Problemhund
Reaktivität beim Dackel ist kein Charakterfehler, sondern das Ergebnis aus Genetik, Erregungslevel und fehlender Unterstützung in den entscheidenden Momenten. Dein Hund will dir das Leben nicht schwer machen – er ist schlicht überfordert und greift auf das zurück, wofür er gezüchtet wurde: hinsehen, fixieren, lautstark melden, hinterher wollen. Wenn du verstehst, dass dahinter ein überlastetes Nervensystem und ein tief verankerter Jagdtrieb stecken, ändert sich dein ganzer Blick auf das Verhalten.
Der Weg führt über Management, echtes Ruhetraining, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und kluge Reizumlenkung – und der Fahrradkorb zeigt wunderbar, wie all das ineinandergreift. Sei geduldig, arbeite unterhalb der Schwelle, belohne jeden kleinen Fortschritt und feiere den Moment, in dem dein Dackel beim nächsten Radfahrer nicht losbellt, sondern dich anschaut. Genau dann hast du gewonnen. Und glaub mir: Dieser Moment kommt. Paul und ich rollen heute entspannt an Dingen vorbei, bei denen er früher den ganzen Campingplatz zusammengebellt hätte.
Schaue dir unbedingt auch noch die Beiträge Dackel jagt Vögel und Dackel jagt Autos, denn die gehören irgendwie unbedingt noch zum Thema.
Dann hab ich ja auch noch das Workbook Ruhetraining, das findest Du bei Amazon hier: Workbook Ruhetraining.

Wichtig ist auch, dass Du den Effekt von dem Kommando „bleib“ und „Warte“ verstehst im Zusammenhang mit Reaktivität, hier hast Du noch eine wichtige Erklärung zum Thema
Warum „bleib“ mehr ist, als nur ein Kommando oder auch Wie bringe ich meinem Dackel bleib bei und hier auch noch mit Video
Schritt für Schritt zum „bleib“.
Du siehst also, dass alles ziemlich komplex ist und es nicht „die eine Übung gingt“
Der Hund muss grundsätzlich zu einen Hund erzogen werden, der Langeweile aushalten kann, der genug schläft und sich in komplizierten Situationen auf dich verlassen kann. Um so weniger ein Hund im Alltag regeln muss und um so mehr er Verantwortung
abgeben kann, um so ruhiger und entspannter kann er werden.
Ein Dackel, der schon kläffend zur Haustür rasen darf, wenn es dort klingelt oder ungebremst den Garten bewachen darf, der Enten hochjagen darf oder Bälle geworfen bekommt, der wird auch im Fahrradkorb vermutlich bellen.
Ein Dackel, der gelassen durchs Leben dackeln darf, wird auch Situationen mit starken Bewegungsreizen gelassen gegenüber stehen.








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