
Der Flat Coated Retriever und Krebs
Ein Fachbeitrag zur aktuellen Studienlage, mit Zahlen, Daten und Fakten aus dem In- und Ausland
Kaum eine Hunderasse ist so eng mit dem Thema Krebs verbunden wie der Flat Coated Retriever. In der veterinärmedizinischen Literatur taucht er regelmäßig in den Listen der sogenannten Krebs-Risiko-Rassen auf. Wer sich für diesen fröhlichen, lebenslang welpenhaft wirkenden Apportierhund entscheidet, sollte die Krebsproblematik kennen, einordnen können und wissen, welche Möglichkeiten die moderne Tieronkologie bietet. Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Forschung heute belegt, welche Tumorarten die Rasse am häufigsten betreffen, woran man erste Anzeichen erkennt, welche Krebsformen ein Hund überleben kann und was am Lebensende zählt.
Ein wichtiger Hinweis vorab: Dieser Text ersetzt keine tierärztliche Beratung. Jede Diagnose, jede Therapieentscheidung und jede Frage zu Medikamenten gehört in die Hand der behandelnden Tierärztin oder eines tieronkologischen Fachzentrums. Die genannten Zahlen sind Durchschnittswerte aus Studien und sagen nichts darüber aus, wie ein einzelner Hund auf eine Behandlung anspricht.
1. Krebs als Haupttodesursache: die zentrale Zahl
Die wichtigste Datengrundlage liefert bis heute eine britische Kohortenstudie von Jane Dobson und Kollegen an der University of Cambridge. 174 Flat Coated Retriever im Alter von zwei bis sieben Jahren wurden 1996 aufgenommen und bis 2007 jährlich begleitet. Das Ergebnis ist ernüchternd: 42 Prozent der Hunde starben an histologisch bestätigten Tumorerkrankungen, weitere knapp 12 Prozent an nicht gesicherten Tumoren. Zusammengenommen sterben damit mehr als die Hälfte aller Flat Coated Retriever an Krebs. Rund 35 Prozent starben an nicht-tumorbedingten Ursachen.
Besonders aussagekräftig ist der Vergleich der Sterbealter. Tumorkranke Hunde starben im Median mit 9 Jahren, Sarkompatienten sogar nur mit 8 Jahren, während nicht-tumorbedingt verstorbene Hunde ein medianes Alter von 12 Jahren erreichten. Krebs kostet diese Rasse also im Schnitt drei bis vier Lebensjahre.
Die Belastung ist kein rein britisches Phänomen. In Untersuchungen zu Todesursachen in Schweden und Dänemark zählte der Flat Coated Retriever zu den fünf Rassen mit dem höchsten Krebsrisiko. Wichtige molekularbiologische Arbeiten stammen aus den Niederlanden (Universität Utrecht), klinische Schwerpunktzentren bestehen unter anderem an der Universität Zürich und in Cambridge.
2. Welche Krebsarten trifft der Flat am häufigsten?
Anders als beim Golden Retriever, bei dem Lymphome und Hämangiosarkome dominieren, hat der Flat Coated Retriever einen eigenen Schwerpunkt: die Weichteilsarkome, allen voran das histiozytäre Sarkom. Eine ungefähre Rangfolge nach Häufigkeit:
1. Histiozytäres Sarkom (HS),
In der Cambridge-Kohorte war das Weichteilsarkom, insbesondere das histiozytäre Sarkom, mit 44 Prozent aller Tumoren die mit Abstand häufigste Krebsform. Schätzungen aus aktuellen genetischen Arbeiten gehen davon aus, dass rund 20 Prozent aller Flat Coated Retriever im Lauf ihres Lebens ein histiozytäres Sarkom entwickeln (zum Vergleich: beim Berner Sennenhund etwa 25 Prozent). Über alle Rassen hinweg ist diese Tumorart dagegen selten und macht weniger als ein Prozent aller Hundetumoren aus.
2. Weitere Weichteilsarkome und das Hämangiosarkom.
Bösartige Bindegewebstumoren treten bei der Rasse gehäuft auf. Das Hämangiosarkom, ein aggressiver Tumor der Blutgefäße, betrifft vor allem Milz, Herz und Leber.
3. Malignes Melanom.
In der Cambridge-Kohorte die zweithäufigste einzelne Tumorform nach den Sarkomen. Melanome treten oft im Maulbereich, an den Schleimhäuten oder an den Zehen auf.
4. Lymphom.
Eine Krebserkrankung der Lymphozyten, die bei vielen Rassen vorkommt und beim Flat ebenfalls beobachtet wird.
5. Osteosarkom (Knochenkrebs) und Plattenepithelkarzinom.
Beide kommen seltener vor, sind klinisch aber wichtig, weil das Osteosarkom zu den aggressivsten Tumoren überhaupt zählt und das Plattenepithelkarzinom bei früher Operation gute Heilungschancen bietet (siehe Abschnitt 5 und 6).
3. Vorzeichen und Symptome: woran erkenne ich etwas frühzeitig?
Das Tückische an Krebs beim Flat Coated Retriever ist sein unauffälliger Beginn. Gerade das histiozytäre Sarkom kann sich hinter scheinbar harmlosen Beschwerden verbergen. Eine geringgradige Lahmheit, die nicht recht abklingt, ist eines der häufigsten Erstzeichen.
Allgemeine Warnsignale, die abgeklärt gehören:
- Tastbare Schwellungen, Knoten oder Massen, vor allem an Gliedmaßen, rund um Gelenke oder unter der Haut
- Lahmheit ohne erkennbare Verletzung, besonders wenn sie länger als ein bis zwei Wochen besteht
- Anhaltende Mattigkeit, Leistungsabfall, schnelle Erschöpfung
- Appetitverlust und ungewollte Gewichtsabnahme
- Blasse Schleimhäute, plötzliche Schwäche oder Kollaps (möglicher Hinweis auf eine innere Blutung, etwa bei Milztumoren)
- Atembeschwerden, anhaltender Husten
- Schwellungen oder Veränderungen im Maul, vermehrtes Speicheln, Blutung
- Veränderungen an Zehen oder Krallenbett, etwa Schwellung, Krallenverlust, schlecht heilende Wunden
Was das für die Praxis bedeutet:
Beim Flat Coated Retriever lohnt es sich, ab etwa sechs Jahren besonders aufmerksam zu sein. Die Universität Zürich empfiehlt für Risikorassen eine regelmäßige Vorsorgeuntersuchung ab dem sechsten Lebensjahr und bei konkretem Verdacht ein Screening alle sechs Monate. Eine kleine Schwellung, die man bei einem Hund anderer Rasse vielleicht beobachten würde, sollte bei dieser Rasse eher früher als später untersucht werden.
4. Das histiozytäre Sarkom im Detail
Das histiozytäre Sarkom geht von Histiozyten aus, also von bestimmten Immunzellen aus der Reihe der Makrophagen und dendritischen Zellen. Beim Flat Coated Retriever unterscheidet man im Wesentlichen zwei Erscheinungsformen:
Die lokalisierte Form (Weichteil- bzw. periartikuläre Form).
Sie tritt beim Flat häufiger auf als beim Berner Sennenhund und beginnt als einzelner Tumorherd, oft im Bereich eines Gelenks oder einer Muskelgruppe. Diese Form hat die vergleichsweise bessere Prognose, vorausgesetzt, sie wird früh erkannt und noch vor der Streuung behandelt.
Die disseminierte (viszerale) Form.
Hier sind von Beginn an mehrere innere Organe betroffen, etwa Milz, Leber, Lunge, Lymphknoten oder Knochenmark. Diese Form schreitet schnell voran und hat eine ungünstige Prognose. Beim Berner Sennenhund überwiegt sie, beim Flat ist sie seltener.
Daneben gibt es eine besonders aggressive hämophagozytische Variante, die von der Milz oder dem Knochenmark ausgeht und eine sehr schlechte Prognose hat (oft unter zwei Monate).
Zahlen zum Verlauf:
Eine Schweizer Auswertung von Fidel und Kollegen (2006) wertete 37 Fälle bei Flat Coated Retrievern aus. Das histiozytäre Sarkom machte dort 36 Prozent aller bösartigen Tumoren der Rasse aus. Das mediane Alter bei Vorstellung lag bei 8,2 Jahren, die meisten Hunde zeigten eine Schwellung an einer Gliedmaße oder rund um ein Gelenk. Bis zum Tod hatten 70 Prozent Metastasen gebildet, die mediane Überlebenszeit über alle Hunde betrug 123 Tage. Entscheidend war, ob bei Diagnose bereits Fernmetastasen vorlagen: ohne Fernmetastasen lag das mediane Überleben bei rund 200 Tagen, mit Fernmetastasen bei rund 68 Tagen.
Das britische Tumour-Survey-Projekt zeigt einen Erkrankungsgipfel mit 8 Jahren und einen kleineren mit 11 Jahren, der Durchschnitt liegt bei 8,13 Jahren.
5. Die zwei aggressivsten Tumoren: histiozytäres Sarkom und Osteosarkom, was tun?
5.1 Histiozytäres Sarkom
Diagnostik. Wichtig ist ein vollständiges Staging, also die Untersuchung des ganzen Hundes, weil der Tumor häufig schon gestreut hat. Dazu gehören Röntgen von Brustkorb, Ultraschall des Bauchraums, Blutbild und die feingewebliche Sicherung. Marker wie eine Thrombozytopenie (zu wenige Blutplättchen) oder ein erniedrigtes Albumin gelten als ungünstige Vorzeichen.
Bei lokalisierter Form. Hier ist eine aggressive lokale Kontrolle das Ziel, also die vollständige chirurgische Entfernung. Je nach Sitz bedeutet das Amputation einer Gliedmaße, Entfernung der Milz, eines Lymphknotens oder eines Lungenlappens. Weil 70 bis 90 Prozent dieser Hunde später trotzdem Metastasen entwickeln, schließt sich nach der Operation eine systemische Chemotherapie an.
Chemotherapie. Wirkstoff der Wahl ist Lomustin (CCNU), ein oral verabreichtes Zytostatikum aus der Gruppe der Nitrosoharnstoffe. Auch Doxorubicin und Kombinationen werden eingesetzt.
Was die Zahlen zur Lomustin-Therapie sagen:
- Bei lokalisiertem HS mit aggressiver Operation plus anschließendem CCNU lag die mediane Überlebenszeit in einer Studie bei rund 568 Tagen, also gut anderthalb Jahren. Eine Untergruppe gut behandelter Hunde erreicht im Schnitt zwischen anderthalb und etwa drei Jahren.
- Bei lokalisiertem Milz-HS nach Milzentfernung mit oder ohne Chemotherapie wurde eine mediane Überlebenszeit von rund 427 Tagen beschrieben.
- Bei der disseminierten Form sprechen etwa 50 Prozent der Hunde auf Lomustin an, mit einer medianen Überlebenszeit von rund fünfeinhalb Monaten.
- Über alle Stadien hinweg liegt das mediane Überleben mit alleiniger CCNU-Behandlung deutlich niedriger, in einer großen Auswertung bei rund 106 Tagen.
Die Botschaft daraus: Je früher und je lokalisierter, desto besser. Eine frühe, vollständige Operation mit nachfolgender Chemotherapie kann aus einer Erkrankung mit Wochen-Überleben eine mit Jahren machen.
5.2 Osteosarkom (Knochenkrebs)
Das Osteosarkom ist der häufigste primäre Knochentumor des Hundes und extrem aggressiv. Rund 80 Prozent der Hunde sterben letztlich an Lungenmetastasen, die zum Zeitpunkt der Diagnose oft schon mikroskopisch vorhanden sind, auch wenn sie auf dem Röntgenbild noch nicht sichtbar werden.
Standardtherapie: Amputation der betroffenen Gliedmaße (sie nimmt sofort die starken Schmerzen) plus anschließende Chemotherapie, meist Carboplatin oder Doxorubicin, üblicherweise alle drei Wochen über vier bis sechs Gaben.
Zahlen:
- Amputation allein wirkt vor allem schmerzlindernd, das mediane Überleben liegt dabei nur bei etwa vier bis fünf Monaten.
- Amputation plus Carboplatin verlängert die mediane Überlebenszeit auf rund 300 bis 320 Tage, etwa 35 Prozent der Hunde leben nach einem Jahr noch.
- Über alle Studien hinweg gilt für die Kombination aus Operation und Chemotherapie eine mediane Überlebenszeit von etwa zwölf bis achtzehn Monaten als Richtwert.
- Hunde mit sichtbaren Lungenmetastasen bei Diagnose haben mit ein bis drei Monaten eine deutlich kürzere Prognose.
Wenn keine Amputation gewünscht ist: Eine palliative Bestrahlung kann die Knochenschmerzen lindern und so die Lebensqualität verbessern, ohne den Tumor zu heilen.
6. Welchen Krebs kann der Hund überleben?
So bedrückend die Zahlen zu HS und Osteosarkom sind, es gibt beim Flat Coated Retriever auch Krebsformen mit guten bis sehr guten Heilungschancen, sofern rechtzeitig operiert wird. Genau hier liegt der größte Hebel für Halter: aufmerksam bleiben und früh handeln.
Gutartige Milztumoren.
Nicht jede Masse an der Milz ist ein Hämangiosarkom. Lange galt die sogenannte Zwei-Drittel-Regel: zwei Drittel der Milztumoren seien bösartig, davon wiederum zwei Drittel Hämangiosarkome. Neuere Auswertungen zeichnen ein freundlicheres Bild. In einer Studie aus den Jahren 2017 bis 2021 waren fast 58 Prozent der entfernten Milztumoren gutartig, ein Hämangiosarkom fand sich nur in rund 32 Prozent der Fälle. Bei Hunden, deren Milzknoten zufällig und ohne Bauchblutung entdeckt wurde, waren in einer Untersuchung sogar fast 94 Prozent gutartig. Gutartige Veränderungen wie ein Hämatom (Bluterguss) oder eine knotige Hyperplasie werden durch die Milzentfernung in der Regel vollständig geheilt. Wichtig ist der Hinweis: Bei einer akuten Bauchblutung steigt der Anteil der bösartigen Tumoren deutlich. Die endgültige Diagnose liefert immer erst die feingewebliche Untersuchung nach der Operation.
Digitales Plattenepithelkarzinom (Zehentumor).
Diese Tumorart sitzt am Krallenbett und fällt oft durch Schwellung, Krallenverlust oder eine schlecht heilende Wunde an einer Zehe auf. Wird die betroffene Zehe rechtzeitig amputiert, solange der Tumor lokal begrenzt ist, sind die Aussichten gut. Studien berichten Ein-Jahres-Überlebensraten von rund 76 Prozent und Zwei-Jahres-Raten um 43 Prozent, einzelne Auswertungen liegen noch höher. In einer großen kanadischen Studie an über 1500 Fällen gab es nach der Zehenamputation praktisch keine örtlichen Rückfälle, das Metastasierungsrisiko innerhalb von fünf Jahren lag bei nur etwa vier Prozent. Hunde kommen mit dem Verlust einer Zehe meist problemlos zurecht. Der Haken: Hat der Tumor bereits gestreut, fällt die Prognose deutlich schlechter aus, weshalb auch hier Früherkennung entscheidend ist.
Lokalisierte Weichteilsarkome niedrigen Grades.
Wird ein solcher Tumor mit ausreichendem Sicherheitsabstand vollständig herausoperiert, ist die Heilungschance gut.
Gutartige und niedriggradige Hauttumoren.
Viele Hautknoten sind harmlos oder lassen sich durch eine saubere Operation dauerhaft entfernen. Auch hier gilt: jeden neuen oder wachsenden Knoten abklären lassen, statt abzuwarten.
Lymphom.
Das Lymphom ist in der Regel nicht heilbar, spricht aber häufig sehr gut auf Chemotherapie an. Mit einem mehrwöchigen Kombinationsprotokoll erreichen viele Hunde eine Remission und gewinnen Monate guter Lebensqualität. Das ist kein Überleben im Sinne einer Heilung, wohl aber ein wertvoller Zugewinn an guter Zeit.
Die Grundregel über alle diese Formen hinweg: Ein örtlich begrenzter Tumor, der noch nicht gestreut hat und vollständig entfernt werden kann, ist die Konstellation mit den besten Chancen. Deshalb ist jede frühe Abklärung wichtiger als jedes Abwarten.
7. Chemotherapie beim Hund: Realität statt Schreckbild
Viele Halter verbinden mit Chemotherapie das Bild schwerkranker Menschen. Bei Hunden ist die Zielsetzung eine andere. Es geht selten um Heilung um jeden Preis, sondern um möglichst viel gute Lebenszeit bei guter Verträglichkeit. Die Dosierungen sind so gewählt, dass die meisten Hunde die Behandlung gut vertragen. Schwere Nebenwirkungen sind die Ausnahme, viele Hunde verlieren nicht einmal ihr Fell, weil das Haarwachstum bei Hunden anders gesteuert ist als beim Menschen.
Häufig eingesetzte Wirkstoffe:
- Lomustin (CCNU): orales Mittel der Wahl beim histiozytären Sarkom, auch bei einigen anderen Tumoren.
- Carboplatin: Standard nach Amputation beim Osteosarkom, gut verträglich, nicht nierenschädigend wie das ältere Cisplatin.
- Doxorubicin: breit wirksames Zytostatikum, unter anderem bei Sarkomen und Lymphomen.
- Vincristin, Cyclophosphamid, Prednisolon: Bausteine des CHOP-Protokolls, des Standards bei vielen Lymphomen.
Begleitend prüft die Tierärztin regelmäßig das Blutbild, weil das Knochenmark und damit die Bildung weißer Blutkörperchen vorübergehend beeinträchtigt sein kann. Ergänzend kommt zunehmend zielgerichtete Medikation ins Spiel, etwa Toceranib (Palladia), sowie immuntherapeutische Ansätze, die aktuell beforscht werden.
8. Palliativmedizin und das Lebensende
Wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist, verschiebt sich das Ziel vollständig auf Lebensqualität. Palliativmedizin ist kein Aufgeben, sondern eine eigene, anspruchsvolle Form der Fürsorge. Sie umfasst Schmerzkontrolle, Appetit, Übelkeit, Atmung und das Wohlbefinden im Alltag.
8.1 Cortison: ja oder nein?
Cortison (meist Prednisolon) ist in der Tieronkologie ein zweischneidiges Werkzeug, das gezielt und nicht beiläufig eingesetzt werden sollte.
Wann es hilft:
- Bei Lymphomen wirkt es direkt gegen die Tumorzellen und ist fester Bestandteil vieler Protokolle.
- Es kann Entzündung und Schwellung rund um einen Tumor verringern, etwa bei Hirntumoren oder bei Druck auf umliegendes Gewebe.
- Es regt häufig den Appetit an und hebt das Allgemeinbefinden, was am Lebensende viel wert sein kann.
Wo Vorsicht geboten ist:
- Cortison kann eine noch nicht gesicherte Diagnose verschleiern. Wird es vor einer Biopsie gegeben, kann es das Bild eines Lymphoms so verändern, dass die feingewebliche Diagnose erschwert wird. Deshalb gilt: erst sichern, dann behandeln.
- Es sollte nicht gleichzeitig mit nichtsteroidalen Schmerzmitteln gegeben werden, weil das die Gefahr von Magen-Darm-Geschwüren stark erhöht.
- Längerer Gebrauch bringt typische Nebenwirkungen mit sich, etwa vermehrten Durst und Harnabsatz, Hecheln und Muskelabbau.
Die Antwort auf die Frage „Cortison ja oder nein“ lautet also: Es kommt auf die Tumorart, den Zeitpunkt und das Behandlungsziel an. Als kurzfristige Hilfe für Appetit und Wohlbefinden am Lebensende ist es oft wertvoll, als unüberlegtes Dauermittel kann es schaden.
8.2 Schmerztherapie: das Stufenschema
Tieronkologen orientieren sich an einem mehrstufigen Schmerzkonzept, das je nach Schmerzstärke aufgebaut wird. Mehrere Wirkprinzipien werden dabei kombiniert, weil sie an verschiedenen Stellen ansetzen und sich ergänzen.
Stufe 1, leichter Schmerz:
Ein nichtsteroidales Entzündungshemmer (NSAID) bildet die Basis, etwa Meloxicam, Carprofen, Firocoxib oder Robenacoxib. Diese Mittel wirken gut gegen entzündlich bedingten Schmerz. Wichtig: nicht zusammen mit Cortison geben.
Stufe 2, ergänzende Wirkstoffe gegen Nervenschmerz und chronischen Schmerz:
- Gabapentin gilt als Eckpfeiler bei chronischem und neuropathischem Schmerz und lässt sich gut mit NSAIDs kombinieren. Hauptnebenwirkung ist Müdigkeit, die sich über eine langsame Dosissteigerung steuern lässt.
- Amantadin, ein NMDA-Rezeptor-Blocker, verstärkt die Wirkung der übrigen Schmerzmittel bei hartnäckigem chronischem Schmerz.
Stufe 3, stärkerer Schmerz:
Hier kommen Opioide hinzu. Tramadol, Buprenorphin, in schweren Fällen auch Methadon oder Fentanyl (als Pflaster oder Infusion in der Klinik) gehören dazu. Diese Mittel sind verschreibungspflichtig und gehören in tierärztliche Steuerung, weil Dosierung und Kombination engmaschig überwacht werden müssen.
8.3 Die letzten Tage
Für die letzte Lebensphase gibt es kein einzelnes „richtiges“ Schmerzmittel, sondern ein abgestimmtes, mehrteiliges Konzept, das die behandelnde Praxis individuell zusammenstellt. In der Regel besteht es aus einer Basis (NSAID oder, bei passender Tumorart, Cortison), ergänzt um Gabapentin und bei Bedarf um ein Opioid. Ziel ist ein Hund, der ruhig liegt, frei atmet, keine Schmerzlaute zeigt und, soweit möglich, noch Interesse an Nähe und Futter hat.
Wichtig zu wissen: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Schmerz im Sterben plötzlich sprunghaft ansteigt. Gut eingestellte Schmerztherapie trägt also meist bis zum Schluss.
Zur Begleitung gehört auch die ehrliche Einschätzung der Lebensqualität. Hilfreich sind einfache, regelmäßig wiederholte Fragen: Frisst und trinkt der Hund noch? Bewegt er sich ohne Schmerz? Atmet er ruhig? Sucht er noch Kontakt und zeigt Interesse an seiner Umgebung? Überwiegen die guten Stunden die schlechten? Wenn die schlechten Tage die guten zu überwiegen beginnen und sich das auch mit angepasster Medikation nicht mehr drehen lässt, ist das Gespräch über ein friedliches Einschläfern ein Akt der Fürsorge, nicht des Versagens. Eine selbstbestimmte, schmerzfreie Begleitung bis zum Ende gehört zur verantwortungsvollen Haltung eines Flat Coated Retrievers dazu.
9. Früherkennung, Vorsorge und Forschung
Der wirksamste Hebel, den Halter heute in der Hand haben, ist die Früherkennung. Aus der Studienlage ergeben sich klare Empfehlungen:
- Ab etwa sechs Jahren regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, bei konkretem Verdacht halbjährliches Screening.
- Jede neue Schwellung, jede unklare Lahmheit, jede Wesensänderung zügig abklären lassen, statt abzuwarten.
- Den Hund regelmäßig selbst abtasten, auch Zehen und Krallenbett, und Veränderungen dokumentieren.
In der Forschung gibt es Bewegung. Wissenschaftler in Cambridge und am früheren Animal Health Trust arbeiten an einem einfachen Bluttest, der das histiozytäre Sarkom in einem frühen Stadium erkennen soll, bevor es streut. Das ist deshalb so bedeutsam, weil bei nahezu der Hälfte der betroffenen Hunde der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose bereits an mehreren Stellen sitzt. Die Flat-Coated Retriever Society unterstützt diese Forschung aktiv.
Genetisch ist die Krebsneigung gut belegt. Die Auswertung der Stammbäume erkrankter Hunde zeigte, dass alle betroffenen Tiere sechs gemeinsame Vorfahren teilen, was die familiäre Natur der Erkrankung unterstreicht. Molekulargenetisch wurde unter anderem ein Risikobereich am Tumorsuppressor-Lokus MTAP-CDKN2A identifiziert (Shearin und Kollegen, 2012), neuere Arbeiten ergänzten Risikoregionen auf den Hundechromosomen 5 und 19 und hoben das Gen PIK3R6 aus dem PI3K-Signalweg hervor. Weil das histiozytäre Sarkom beim Menschen sehr selten ist, dient der Flat Coated Retriever der vergleichenden Krebsforschung als wertvolles natürliches Modell.
10. Fazit
Der Flat Coated Retriever ist ein wunderbarer Familien- und Jagdhund mit einem außergewöhnlich fröhlichen Wesen. Die Krebsbelastung dieser Rasse ist real und gehört offen benannt: Mehr als die Hälfte stirbt an Krebs, das histiozytäre Sarkom ist die prägende Tumorart, und gemeinsam mit dem Osteosarkom gehört es zu den aggressivsten Formen. Doch das ist nur die eine Seite. Gutartige Milztumoren, frühe Zehentumoren und örtlich begrenzte, vollständig operierte Sarkome haben gute bis sehr gute Heilungschancen. Moderne Chemotherapie zielt auf Lebensqualität und ist meist gut verträglich. Und für die letzte Lebensphase steht eine gut abgestufte Schmerz- und Palliativmedizin bereit, die einem geliebten Hund einen friedlichen Weg ermöglicht.
Das Wichtigste bleibt die Aufmerksamkeit der Halter. Wer die typischen Vorzeichen kennt, früh zur Tierärztin geht und Vorsorge ernst nimmt, verschiebt die Wahrscheinlichkeiten spürbar zugunsten seines Hundes. Die Forschung arbeitet mit Nachdruck daran, dass die nüchternen Zahlen dieser Rasse eines Tages besser ausfallen.
Quellen (Auswahl)
- Dobson J, Hoather T, McKinley TJ, Wood JL (2009): Mortality in a cohort of flat-coated retrievers in the UK. Veterinary and Comparative Oncology 7: 115–121.
- Fidel J, Schiller I, Hauser B et al. (2006): Histiocytic sarcomas in flat-coated retrievers: a summary of 37 cases (November 1998–March 2005). Veterinary and Comparative Oncology 4: 63–74.
- Constantino-Casas F, Mayhew D, Hoather TM, Dobson JM (2011): The clinical presentation and histopathologic-immunohistochemical classification of histiocytic sarcomas in the Flat Coated Retriever. Veterinary Pathology.
- Multi-omics-Arbeit zu erblichen Risikovarianten hämatopoetischer Tumoren bei Retrievern (CFA5/CFA19, PIK3R6), biorxiv/PMC.
- Shearin AL, Hedan B, Cadieu E et al. (2012): The MTAP-CDKN2A locus confers susceptibility to a naturally occurring canine cancer. Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention 21: 1019–1027.
- Skorupski KA et al. (2009): Long-term survival in dogs with localized histiocytic sarcoma treated with CCNU as an adjuvant to local therapy. Veterinary and Comparative Oncology 7: 139–144.
- Skorupski KA et al. (2007): CCNU for the treatment of dogs with histiocytic sarcoma. Journal of Veterinary Internal Medicine 21: 121–126.
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- Bergman PJ et al. (1996): Amputation and carboplatin for treatment of dogs with osteosarcoma: 48 cases. Journal of Veterinary Internal Medicine 10: 76.
- Phillips B et al. (2009): Single-agent carboplatin as adjuvant/neoadjuvant therapy with amputation for appendicular osteosarcoma in dogs.
- Schick AR, Grimes JA (2023): Evaluation of the validity of the double two-thirds rule for diagnosing hemangiosarcoma in dogs with non-traumatic hemoperitoneum. JAVMA.
- Studie zur Inzidenz splenischer Malignität und Hämangiosarkom bei Milzentfernung (182 Fälle, 2017–2021), PMC.
- Marconato L, Murgia D, Finotello R et al.: Clinical features and outcome of 79 dogs with digital squamous cell carcinoma (SIONCOV-Studie), Frontiers in Veterinary Science.
- Studie zu Rasseprädispositionen und Prognose des subungualen Plattenepithelkarzinoms (1518 Fälle, Kanada 2003–2021), PMC.
- WSAVA-Leitlinien und Übersichtsarbeiten zu Palliativversorgung und Schmerztherapie in der Tieronkologie (WHO-Schmerzstufenschema, Gabapentin, Amantadin, Opioide).
- Universitäres Tierspital Zürich: Informationen und Screening-Empfehlungen zum histiozytären Sarkom.
- Brümmer A (2008): Besitzerbefragung zu Gesundheit, Krankheitshäufungen und Todesursachen der sechs Retrieverrassen, Inaugural-Dissertation, Justus-Liebig-Universität Gießen.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder Beratung. Bei konkreten gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an deine Tierärztin oder ein tieronkologisches Fachzentrum.





