Was sind eigentlich Retriever?

Meine Flatcoated Retriever Eps und Floyd

Was sind eigentlich Retriever? Herkunft, Geschichte und die sechs Rassen im Überblick

Wer mich kennt, weiß: Retriever begleiten mich mein ganzes Hundeleben lang. Seit über fünfundzwanzig Jahren arbeite ich mit ihnen, im Training, im Hundesport und in meiner Hundeschule, in der über die Jahre fast jede Retrieverrasse einmal vor mir saß. Mein eigener Flat Coated Retriever war jahrelang mein Partner im Dummysport, und gerade diese praktische Erfahrung über so viele Hunde und so viele Jahre hat mir gezeigt, wie unterschiedlich diese Tiere unter dem gemeinsamen Etikett Retriever in Wahrheit sind. Genau darum geht es hier. Was ein Retriever eigentlich ist, woher diese Hunde stammen, wie aus einer einzigen Sorte Arbeitshund nach und nach sechs eigenständige Rassen wurden und worin sich diese sechs im Wesen unterscheiden.

Alle Retrieverrassen im Überblick

Was bedeutet Retriever überhaupt?

Das Wort Retriever kommt aus dem Englischen, von to retrieve, was so viel heißt wie zurückbringen, herbeiholen oder eben apportieren. Damit ist im Grunde schon alles gesagt, was diese Hundegruppe ausmacht. Ein Retriever ist ein Apportierhund. Seine ursprüngliche Aufgabe bestand nicht darin, Wild aufzuspüren oder vorzustehen, sondern darin, bereits geschossenes Wild zu finden und unbeschädigt zum Jäger zu bringen. Diese Spezialisierung auf die Arbeit nach dem Schuss unterscheidet die Retriever von Vorstehhunden wie dem Pointer oder dem Setter und von Stöberhunden wie den Spaniels.

In der Systematik der Fédération Cynologique Internationale, dem internationalen Dachverband der Hundezucht, stehen alle Retriever in der Gruppe 8, der Gruppe der Apportier-, Stöber- und Wasserhunde, und dort in der Sektion 1, den Apportierhunden. Schon diese Einordnung verrät zwei Dinge, die für das Verständnis dieser Hunde wichtig sind. Sie sind zum Apportieren gezüchtet, und sie haben einen engen Bezug zum Wasser. Beides zieht sich durch die gesamte Geschichte der Retriever und prägt bis heute ihr Verhalten, auch bei Hunden, die nie im Leben einen Jagdeinsatz sehen werden.

Wer einmal gesehen hat, wie ein gut ausgebildeter Retriever arbeitet, versteht schnell, warum diese Hunde so geschätzt werden. Im Kern besteht die Apportierarbeit aus drei Disziplinen. Beim Markieren merkt sich der Hund, wo das Wild gefallen ist, und läuft es zielsicher an, oft über größere Entfernungen und teils mehrere Fallstellen nacheinander. Beim Einweisen lenkt der Mensch den Hund per Pfiff und Handzeichen auf eine Stelle, die der Hund selbst nicht gesehen hat. Bei der Verlorensuche stöbert der Hund in einem zugewiesenen Bereich selbständig nach Wild, das niemand genau verorten kann. Diese drei Bausteine finden sich im modernen Dummysport wieder, der das jagdliche Apportieren ohne echtes Wild nachbildet und für mich eine der schönsten Beschäftigungen für jeden Retriever ist.

Ein Hinweis ist mir an dieser Stelle wichtig, weil er in vielen Rasseporträts untergeht. Retriever ist keine Rasse, sondern ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Rassen mit gemeinsamer Aufgabe und teilweise gemeinsamer Abstammung. Wenn jemand sagt, er habe einen Retriever, dann sagt das ungefähr so viel aus wie die Bemerkung, jemand fahre ein Auto. Die Spannweite zwischen einem ruhigen Golden aus der Showlinie und einem hochmotivierten Chesapeake Bay Retriever ist enorm, im Aussehen, vor allem aber im Wesen. Wer sich für einen Retriever interessiert, sollte deshalb nie bei der Gruppe stehenbleiben, sondern genau hinschauen, um welche Rasse und sogar um welche Linie es geht.

Die gemeinsame Wurzel in Neufundland

Die Geschichte aller Retriever beginnt nicht in England, wie viele vermuten, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks, an den rauen Küsten der kanadischen Insel Neufundland. Dort hatten sich seit dem 16. und 17. Jahrhundert robuste Arbeitshunde herausgebildet, die den Fischern bei ihrer harten Arbeit zur Hand gingen. Diese Hunde gingen vermutlich aus einer Mischung verschiedener europäischer Arbeitshunde hervor, die Fischer, Händler und Entdecker aus England, Irland und Portugal über Jahrhunderte hinweg auf die Insel brachten. Eine einheimische Hundepopulation gab es auf Neufundland vor der Ankunft der Europäer kaum, sodass diese mitgebrachten Hunde die Basis bildeten.

Bekannt wurde dieser Hundetyp als St. John’s Hund, benannt nach der Hauptstadt der Insel, oft auch Kleiner Neufundländer oder St. John’s Water Dog genannt. Man unterschied damals zwei Schläge. Einen schweren, großen Hund mit längerem Fell, der zum Ziehen von Karren und Lasten diente und aus dem später der große Neufundländer hervorging, und einen kleineren, leichteren, kurzhaarigen Wasserhund. Dieser kleinere Schlag ist der eigentliche Urahn aller heutigen Retriever.

Was diese Hunde so wertvoll machte, waren ihre Arbeitseigenschaften. Sie liebten das Wasser geradezu, hatten ein dichtes, öliges und damit wasserabweisendes Fell, kräftige Schwimmpfoten, eine enorme Ausdauer und eine ausgezeichnete Nase. Sie holten den Fischern aus dem Wasser, was diese brauchten. Aus den Netzen gefallene Fische, Schiffstaue und Leinen, manchmal halfen sie sogar, die schweren Netze an Land zu ziehen. Zeitgenossen beschrieben sie als außergewöhnlich gutartig, ausgeglichen und arbeitswillig, mit einem fast schon sprichwörtlichen Bedürfnis, ihren Menschen zu gefallen. Genau diese Verbindung aus Wasserpassion, weichem Maul, Nasenleistung und Kooperationsbereitschaft ist das Erbe, das in jedem Retriever bis heute steckt.

Bemerkenswert ist, wie vielseitig diese Hunde im Alltag der Küstenbewohner waren. Sie apportierten an Land ebenso wie aus dem Wasser, warnten wie ein Wachhund, spielten mit den Kindern und zogen in der Region Labrador sogar gelegentlich im Schlittengespann. Diese Verbindung aus Arbeitswillen, Sanftmut und Anpassungsfähigkeit war keine Laune der Natur, sondern das Ergebnis eines harten Alltags, in dem nur brauchbare und umgängliche Hunde gehalten wurden. Genau dieses solide Fundament haben die englischen Züchter später vorgefunden und verfeinert.

Eine traurige Randnotiz der Geschichte gehört dazu. Der St. John’s Hund selbst ist heute ausgestorben. In seiner Heimat ging der Bestand durch hohe Hundesteuern und strenge Haltungsbeschränkungen, die im 19. Jahrhundert zur Förderung der Schafzucht eingeführt wurden, immer weiter zurück. Die beiden letzten bekannten Vertreter, zwei Rüden, sollen Anfang der 1980er Jahre an der Südküste Neufundlands im hohen Alter gestorben sein. Die Rasse, die so viele andere begründet hat, existiert also nur noch in ihren Nachkommen. Wer heute bei einem schwarzen Labrador einen kleinen weißen Fleck auf der Brust sieht, blickt übrigens auf ein letztes Andenken an diese Urahnen, deren typische weiße Abzeichen an Brust und Pfoten gelegentlich noch durchschlagen.

Vom Wasserhund zum englischen Jagdbegleiter- die historische Entwicklung des Retrievers

Wie kamen diese Hunde nach England? Auch das hat mit Fisch zu tun. Zwischen Neufundland und den britischen Inseln herrschte ein reger Handel, vor allem mit Stockfisch. Englische Seeleute und Händler beobachteten die wasserfreudigen Hunde bei der Arbeit und waren so angetan, dass sie immer wieder einzelne Tiere mit in die Heimat nahmen. So gelangten ab dem frühen 19. Jahrhundert St. John’s Hunde in englische und schottische Häfen, etwa nach Poole in der Grafschaft Dorset.

Dort fielen sie rasch dem jagdbegeisterten Landadel auf. Die Aristokratie verfügte über die Mittel und die großen Ländereien, um sich der gezielten Zucht von Jagdhunden zu widmen, und sie erkannte das Potenzial dieser apportierfreudigen Hunde sofort. Einer der bekanntesten frühen Förderer war der zweite Earl of Malmesbury, dessen Familie diese Hunde schlicht Labradors nannte. Von ihm stammt der überlieferte Satz, man nenne die eigenen Hunde stets Labrador, und so blieb der Name an einer der Rassen haften. Wichtig zu wissen ist auch, dass spätere Einfuhren durch Handelsbeschränkungen und ein Quarantänegesetz stark erschwert wurden. Die englischen Züchter mussten daher mit den Hunden arbeiten, die ihnen bereits zur Verfügung standen, was die Zuchtbasis verengte und die Herausbildung eigener Typen beschleunigte.

Entscheidend für die rasante Entwicklung war ein technischer Fortschritt, der oft übersehen wird. In den 1830er Jahren setzte sich der moderne Hinterlader durch, ein Gewehr, das deutlich schneller und zuverlässiger nachgeladen werden konnte als die alten Vorderlader. Damit wurde eine neue Form der Jagd möglich und in der gehobenen Gesellschaft hochmodern: die Treibjagd, bei der Treiber das Wild aufscheuchten und die Schützen in kurzer Zeit viele Stücke erlegten. Plötzlich lag nach einem Jagdtag eine große Menge Federwild im Feld und im Wasser, und es brauchte Hunde, die dieses Wild zuverlässig, zügig und mit weichem Maul einsammelten.

Für genau diese Aufgabe waren die Hunde aus Neufundland ideal. Die klassischen Jagdhunde der Zeit, Setter, Pointer und Spaniels, waren auf das Suchen und Vorstehen des lebenden Wildes spezialisiert und ließen sich beim Anblick fallenden Wildes oft zu sehr ablenken. Die Wasserhunde dagegen blieben ruhig, behielten die Fallstellen im Auge und konzentrierten sich auf das Bringen. So entstand in England eine eigene Spezialisierung, der Apportierhund nach dem Schuss, und damit die Grundlage für alles, was wir heute Retriever nennen.

Wie aus einem Typ sechs Retriever Rassen wurden

Am Anfang gab es keine sechs Rassen, sondern einen Gebrauchstyp. In den ersten Jahrzehnten galt in England jeder Hund, der zuverlässig apportierte, schlicht als Retriever, unabhängig von seiner genauen Abstammung. Die englischen Züchter kreuzten die St. John’s Hunde mit dem, was ihnen an guten Jagdhunden zur Verfügung stand. Setter brachten Nase und ein längeres Haarkleid ein, der irische rote Setter zusätzlich die Anlage für eine gelbrote Fellfarbe, Wasserspaniels die Wasserarbeit, mancherorts wurden auch Hütehunde wegen ihrer Leichtführigkeit eingekreuzt. So entstanden Hunde in verschiedenen Farben und mit unterschiedlichem Fell, die man zunächst Wavy Coated Retriever nannte, also wellhaarige Apportierhunde.

Als gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Hundeausstellungen aufkamen, brauchte man eine Einteilung. In den Zuchtbüchern des britischen Kennel Clubs wurden zwischen 1859 und 1873 noch alle Retriever als eine einzige Rasse geführt. Unterschieden wurde lediglich nach dem Fell. Ein Retriever war entweder wellhaarig, also ein Wavy Coated, oder kraushaarig, also ein Curly Coated. Erst nach und nach kristallisierten sich aus diesem gemeinsamen Topf eigenständige Rassen heraus, je nachdem, welche Eigenschaften einzelne Züchter besonders schätzten und gezielt verstärkten.

Ungefähr ab 1897 wurden die Rassen getrennt geführt, und aus dem Wavy Coated Retriever wurde der Flat Coated Retriever, der glatthaarige Apportierhund. Aus den gelben Vertretern, die innerhalb der Flats immer wieder auftauchten, entwickelte sich eine eigene Linie, die ab 1913 vom Kennel Club als Golden Retriever anerkannt wurde. Der kurzhaarige, kräftige Schlag, der vor allem auf die importierten Neufundlandhunde zurückging, wurde als Labrador Retriever eigenständig. Der Curly Coated hatte sich ohnehin schon früh als eigener Typ abgespalten. Parallel dazu entstanden auf der anderen Seite des Atlantiks zwei weitere Rassen aus demselben Erbe, der Chesapeake Bay Retriever in den USA und der Nova Scotia Duck Tolling Retriever in Kanada.

So kommen wir auf die sechs Rassen, die heute international als Retriever anerkannt sind und in Deutschland vom Deutschen Retriever Club betreut werden. Vier davon gelten als britisch, der Labrador, der Golden, der Flat Coated und der Curly Coated. Einer ist kanadisch, der Nova Scotia Duck Tolling Retriever, und einer ist amerikanisch, der Chesapeake Bay Retriever. Streng genommen hat auch der Labrador kanadische Wurzeln, seine eigentliche Rasseentwicklung fand jedoch in Großbritannien statt, weshalb er üblicherweise den britischen Rassen zugeordnet wird.

Sechs Retriever Rassen, oder eigentlich acht?

An dieser Stelle möchte ich eine Feinheit ergänzen, die in den meisten Texten fehlt, mir aber wichtig ist, weil sie für die Praxis großen Unterschied macht. Offiziell gibt es sechs Retrieverrassen. Wer genau hinschaut, kommt aber eher auf acht, denn die beiden mit Abstand beliebtesten Rassen, der Labrador und der Golden Retriever, sind faktisch in jeweils zwei Typen aufgespalten, in eine Showlinie und eine Arbeitslinie.

Diese Trennung hat historische Gründe. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Labrador nicht nur auf Ausstellungen gezeigt, sondern auch in sogenannten Field Trials geprüft, also in jagdlichen Leistungswettbewerben. Aus dem Wunsch, einen Hund zu haben, der beides kann, gut aussehen und gut arbeiten, entstand das Ideal des Dual-Purpose-Hundes. In der Realität ließ sich dieser Spagat über die Jahrzehnte immer schwerer halten. Züchter, die auf Ausstellungserfolge setzten, selektierten auf ein bestimmtes Aussehen mit kräftigem Körper, breitem Kopf und ruhigem Wesen. Züchter, die jagdlich oder sportlich führten, selektierten auf Leistung, Schnelligkeit, Arbeitswille und Führigkeit. So drifteten die beiden Linien auseinander.

Heute sieht man den Unterschied oft auf den ersten Blick. Ein Labrador oder Golden aus der Showlinie, auch klassische Linie genannt, ist meist größer, schwerer und stämmiger gebaut, hat einen breiteren Kopf mit kürzerer Schnauze und gilt als gemütlicher. Beim Golden ist das Fell der Showlinie häufig hell, von Creme bis Hellblond. Ein Hund aus der Arbeitslinie, auch Field-Trial-Linie genannt, ist schlanker, leichter und wendiger, hat einen schmaleren Kopf mit längerer Schnauze, ein meist kürzeres und dunkleres Fell und einen deutlich höheren Arbeits- und Bewegungsdrang. Der berühmte Will to please ist in der Arbeitslinie in aller Regel noch stärker ausgeprägt.

Für die Wahl des passenden Hundes ist dieser Unterschied oft wichtiger als die Frage Labrador oder Golden. Ein Field-Trial-Labrador, der den ganzen Tag auf dem Sofa liegen soll, wird unglücklich und sucht sich eigene Aufgaben, die selten im Sinne des Halters sind. Ein gemütlicher Showlinien-Golden dagegen kann für einen sportlich sehr ambitionierten Menschen zu wenig Antrieb mitbringen. Wer ehrlich überlegt, was er mit seinem Hund vorhat, sollte deshalb nicht nur auf die Rasse, sondern auch auf die Linie achten. Bei den anderen vier Retrieverrassen ist diese Aufspaltung übrigens kaum oder gar nicht ausgeprägt. Der Flat Coated Retriever etwa ist mit einigem Stolz seiner Züchter bis heute ein einheitlicher Typ geblieben, der im Feld wie im Ausstellungsring derselbe Hund ist.

Die Retriever in Deutschland und der Deutsche Retriever Club

In Deutschland sind Retriever ein vergleichsweise junges Phänomen. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts waren sie hierzulande kaum bekannt. Schon vor der Vereinsgründung gab es vereinzelte Würfe. So importierte etwa Dr. Wilhelm Heraeus die Golden-Hündin Cragmount’s Tessa aus Amerika und fand erst über ein Zeitungsinserat einen passenden Deckrüden für seine Zuchtpläne. Der organisierte Anfang fällt auf den 21. September 1963. An diesem Tag unterzeichneten acht Retrieverfreunde die erste Satzung des Deutschen Retriever Clubs, der bis heute der älteste und größte Retrieververein Deutschlands ist und inzwischen rund 13.000 Mitglieder zählt. In den Anfangsjahren ging es fast ausschließlich um Golden und Labrador. Die ersten Flat Coated Retriever wurden erst 1976 ins Zuchtbuch eingetragen.

Wie rasant sich die Beliebtheit entwickelt hat, zeigen die Wurfzahlen. Im Jahr 2000 fielen im Verein gut tausend Golden-, knapp fünfhundert Labrador-, gut hundert Flat- sowie einige wenige Chesapeake- und Toller-Welpen. Knapp fünfundzwanzig Jahre später hat sich die Gesamtzahl beinahe verdoppelt. Für das Jahr 2024 weist der Club 1189 Golden Retriever, 1054 Labradore, 507 Flat Coated Retriever, 122 Nova Scotia Duck Tolling Retriever, 48 Curly Coated und 33 Chesapeake Bay Retriever aus. Diese Zahlen verraten viel über die Rangordnung der Beliebtheit. Golden und Labrador dominieren mit großem Abstand, der Flat Coated folgt als dritthäufigste Rasse, während Curly und Chesapeake echte Liebhaberrassen geblieben sind. Wer einen Welpen einer der selteneren Rassen sucht, muss meist Wartezeit und längere Wege einplanen, und das ist oft auch gut so, denn es schützt diese Rassen vor der Massenzucht, die Golden und Labrador zeitweise stark zugesetzt hat.

Der Labrador Retriever

Der Labrador ist nicht nur der bekannteste Retriever, sondern eine der beliebtesten Hunderassen der Welt überhaupt. Seine Wurzeln liegen, wie schon beschrieben, im St. John’s Hund aus Neufundland. In England wurde er ab dem frühen 19. Jahrhundert von Adelsfamilien gezielt weitergezüchtet. Man geht davon aus, dass praktisch alle heutigen Labradore auf nur wenige Zuchtlinien zurückgehen, vor allem auf die Zwinger der Familien Malmesbury, Buccleuch und Home. Der britische Kennel Club erkannte die Rasse 1903 offiziell an. Eine Schlüsselfigur der frühen Zucht war der Rüde Banchory Bolo, der 1915 als erster Hund sowohl im Jagdeinsatz als auch auf Ausstellungen Championtitel errang und damit das Ideal des doppelt verwendbaren Labradors verkörperte.

Woher der Name Labrador genau stammt, ist nicht abschließend geklärt. Manche führen ihn auf die kanadische Halbinsel Labrador nördlich von Neufundland zurück, andere auf das portugiesische und spanische Wort labrador für Arbeiter, was gut zu einem so fleißigen Hund passen würde. Mit Sicherheit lässt es sich heute nicht mehr sagen, und das ist bei einer Rasse, deren Anfänge im Alltag einfacher Fischer liegen, wenig verwunderlich.

Äußerlich erkennt man den Labrador an seinem kräftigen, kompakten Körperbau, dem breiten Schädel und der typischen Otterrute, einer am Ansatz dicken, rund wirkenden Rute, die ihm beim Schwimmen als Steuer dient. Rüden erreichen eine Widerristhöhe von etwa 56 bis 57 Zentimetern, Hündinnen etwas weniger. Das Fell ist kurz, dicht und wasserabweisend, mit einer guten Unterwolle. Die ursprüngliche Farbe ist Schwarz, dazu kommen Gelb in allen Schattierungen von hellcreme bis fuchsrot sowie Braun. Die in den letzten Jahren modisch gewordenen aufgehellten Farben wie Charcoal, Champagner oder Silber entstehen durch das sogenannte Dilute-Gen und sind in der seriösen Zucht umstritten.

Im Wesen ist der Labrador gutmütig, menschenbezogen, lernfreudig und ausgesprochen verfressen, was ihn in der Ausbildung über Futter leicht zu motivieren macht. Diese Fresslust hat allerdings auch eine Schattenseite, denn kaum eine Rasse neigt so stark zu Übergewicht, weshalb eine gute Portionskontrolle hier zum Tierschutz gehört. Der Labrador bringt einen ausgeprägten Apportiertrieb und ein weiches Maul mit. Diese Verbindung aus Arbeitsfreude, Nasenleistung und Kooperationsbereitschaft macht ihn so vielseitig. Kaum eine andere Rasse ist so häufig als Blindenführhund, Assistenzhund, Rettungs-, Spür- oder Zollhund im Einsatz. Was bei aller Beliebtheit oft vergessen wird: Der Labrador ist und bleibt ein Arbeitshund mit echtem Beschäftigungsbedarf. Das gemütliche Familienhund-Image trifft am ehesten auf ruhige Vertreter der Showlinie zu, und auch die wollen ausgelastet werden.

Dass der Labrador in vielen Ländern, darunter Deutschland, Großbritannien und die USA, seit Jahren die Statistik der beliebtesten Hunderassen anführt, hat genau mit dieser Mischung zu tun. Er ist freundlich, anpassungsfähig und arbeitswillig, ohne kompliziert zu sein. Die Kehrseite dieser Beliebtheit ist eine massenhafte, oft unkontrollierte Vermehrung außerhalb seriöser Vereine, bei der Gesundheit und Wesen auf der Strecke bleiben. Wer einen Labrador sucht, tut sich und dem Hund deshalb einen großen Gefallen, wenn er einen Züchter wählt, der seine Tiere auf die rassetypischen Erbkrankheiten untersuchen lässt.

Golden Retriever beim Apportieren

Der Golden Retriever

Der Golden Retriever ist die zweite Rasse, die fast jeder Mensch sofort erkennt, und seine Entstehung ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Wir verdanken das den sorgfältig geführten Zuchtbüchern eines schottischen Adligen, Sir Dudley Coutts Marjoribanks, dem ersten Lord Tweedmouth, der von 1820 bis 1894 lebte. Auf seinem Landsitz Guisachan House in der Grafschaft Inverness-shire legte er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Grundstein für die Rasse.

Um 1868 verpaarte er einen gelben Wavy Coated Retriever mit einer Hündin einer heute ausgestorbenen Rasse, dem Tweed Water Spaniel. Aus dieser Verbindung gingen mehrere gelbe Welpen hervor. In den folgenden gut zwanzig Jahren züchtete Tweedmouth in sorgfältig dokumentierter Linienzucht weiter und kreuzte gezielt weitere Hunde ein, darunter einen weiteren Tweed Water Spaniel, einen roten Irischen Setter und einen sandfarbenen Bluthund. So entstand nach und nach der gelbgoldene Apportierhund, den wir heute kennen. Der britische Kennel Club trennte die Rasse 1913 von den übrigen Retrievern ab und führte sie zunächst als Retriever, gelb oder golden. 1920 fiel das gelb weg, und der Name Golden Retriever war geboren.

Im ersten dokumentierten Wurf befanden sich vier gelbe Welpen, ein Rüde und drei Hündinnen, deren Namen, Crocus, Cowslip, Primrose und Ada, in der Rassegeschichte bis heute einen guten Klang haben. Zwei der Hündinnen behielt Tweedmouth und führte mit ihnen seine Linie weiter. Aus diesen wenigen Hunden ist eine der erfolgreichsten Rassen der Welt geworden, ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie viel sorgfältige Planung und gute Dokumentation in der Zucht bewirken können.

Der Golden ist mittelgroß, kräftig und harmonisch gebaut, mit einem gewellten oder glatten, gut befederten Fell in allen Goldtönen von hell bis dunkel. Wie schon erwähnt, gibt es ihn in einer eher hellen, gemütlicheren Showlinie und einer dunkleren, sportlicheren Arbeitslinie. Charakterlich gilt er als freundlich, sanft, ausgeglichen und sehr menschenbezogen, mit einem starken Bedürfnis, zu gefallen. Diese Sanftheit und Lernfreude macht ihn zum Klassiker unter den Therapie- und Assistenzhunden. In Deutschland wurde er erst ab den 1980er Jahren richtig populär und etablierte sich in den 1990ern endgültig als Fernseh- und Werbehund. Man sollte sich davon aber nicht täuschen lassen. Auch der Golden ist ein Jagdhund mit Apportierleidenschaft und Wasserliebe, der Beschäftigung für Kopf und Körper braucht und keineswegs der bequeme Sofahund ist, als der er in der Werbung manchmal dargestellt wird.

Wer sich für einen Golden interessiert, sollte sich auch mit den rassetypischen Gesundheitsthemen beschäftigen. Wie viele größere Rassen neigt der Golden zu Hüft- und Ellbogendysplasie, weshalb seriöse Züchter ihre Zuchttiere röntgen lassen. Dazu kommen erbliche Augenerkrankungen wie die progressive Retinaatrophie, gegen die es heute Gentests gibt, sowie bestimmte Herzerkrankungen. Ein Thema, das die Rasse leider stark betrifft, ist eine erhöhte Anfälligkeit für Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Alter. Ein verantwortungsvoller Züchter geht mit diesen Punkten offen um, legt die Untersuchungsergebnisse der Elterntiere vor und drängt nicht zum schnellen Kauf. Diese Offenheit ist eines der wichtigsten Merkmale, an denen man eine gute von einer fragwürdigen Zucht unterscheiden kann.

Der Flat Coated Retriever

Der Flat Coated Retriever liegt mir besonders am Herzen, denn ich habe selbst jahrelang zwei Flats im Dummysport geführt und kenne diese Rasse von innen. Er ist der direkte Nachfahre jenes ursprünglichen Wavy Coated Retrievers, aus dem sich die anderen Rassen erst nach und nach herausgelöst haben, und gilt damit gewissermaßen als der ursprüngliche englische Apportierhund. Lange war er unter dem Namen Gamekeeper’s Dog bekannt, der Hund der Wildhüter, weil er auf den großen englischen Gütern für die Arbeit nach dem Schuss unverzichtbar war.

Als Begründer der Rasse gelten ein Wildhüter namens J. Hull, dessen Hunde Old Bounce und Young Bounce in den 1860er Jahren die Grundlage bildeten, und vor allem Sewallis E. Shirley, der 1873 den britischen Kennel Club gründete und den Typ des Flats festigte. Um 1900 war der Flat Coated in England der beliebteste Apportierhund überhaupt. Dann wurde er vom aufstrebenden Labrador und Golden zahlenmäßig überholt, und in beiden Weltkriegen brach der Bestand so stark ein, dass die Rasse fast verschwand. Eine kleine Gruppe engagierter Liebhaber rettete sie und baute sie ab den 1960er Jahren wieder auf.

Als Stammvater der modernen Flat Coated Retriever gilt der 1888 geborene Champion Darenth, über dessen Linien sich praktisch alle heutigen Vertreter zurückverfolgen lassen. Eine besondere Rolle spielte später der Engländer H. Reginald Cooke, der die Rasse über Jahrzehnte in seinem Riverside-Zwinger pflegte und mit unzähligen Erfolgen auf Ausstellungen und im Feld am Leben hielt.

Der Flat ist ein eleganter, schlanker Hund mit glattem, glänzendem Fell in Schwarz oder Braun, dem sogenannten Liver. Sein Kopf ist feiner und länger als der von Labrador oder Golden, was ihm einen edlen, klaren Ausdruck verleiht. Der Rassestandard fasst seine Erscheinung schön zusammen mit der Formulierung Kraft ohne Schwere und Eleganz ohne Zierlichkeit. Im Wesen ist er sensibel, hochintelligent, lebhaft und unglaublich fröhlich. Berühmt ist sein Beiname Peter Pan unter den Retrievern, denn er wird nur sehr langsam erwachsen und behält seinen welpenhaften Übermut oft bis weit ins Erwachsenenalter, manchmal über zehn Jahre hinweg. Das macht ihn liebenswert, fordert vom Halter aber Geduld, Humor und eine konsequente, vollständig gewaltfreie Erziehung, denn auf Härte reagiert ein so feiner Hund mit Verschließen.

Erwähnenswert ist, dass die Rasse bis heute nicht in Show- und Arbeitslinie gespalten ist. Die Züchter halten bewusst am einheitlichen, doppelt verwendbaren Typ fest, und darauf darf man durchaus stolz sein. Eine gesundheitliche Besonderheit sollte man allerdings kennen. Flat Coated Retriever haben rassebedingt eine erhöhte Neigung zu bestimmten Krebserkrankungen. Die Wahl eines verantwortungsvollen Züchters mit gesundheitlich geprüften Linien und einer ehrlichen Aufklärung über dieses Thema zählt hier deshalb besonders.

Der Curly Coated Retriever

Der Curly Coated Retriever ist die heimliche Rarität unter den Retrievern und zugleich wahrscheinlich die älteste der englischen Retrieverrassen. Sein unverwechselbares Markenzeichen ist das Fell, das vom Vorderkopf abgesehen am ganzen Körper aus kleinen, dichten, festen Locken besteht. Genau dieses Haarkleid liefert auch den besten Hinweis auf seine Herkunft. Fachleute gehen davon aus, dass es vom alten English Water Dog stammt, einem im 17. Jahrhundert hochgeschätzten Wasserhund. Künstlerische Darstellungen aus dem 18. Jahrhundert zeigen Hunde, die dem heutigen Curly bereits sehr ähneln. Der Typ ist also seit rund vierhundert Jahren bekannt und hat sich seither kaum verändert.

Im Lauf seiner Entwicklung wurden vermutlich der St. John’s Neufundländer sowie Setter und Pointer eingekreuzt. Ob auch Pudel und Irish Water Spaniel beteiligt waren, wie es manche Quellen behaupten, ist nicht zweifelsfrei belegt und bleibt eine Vermutung. Der englische Kennel Club erkannte den Curly schon 1854 an, ab 1860 wurde er ausgestellt, 1890 entstand der Rasseverein, der den bis heute weitgehend gültigen Standard festlegte. Während er in England nach 1900 mit dem Aufkommen der großen Treibjagden an Bedeutung verlor, blieb er in Australien und Neuseeland als vielseitiger Jagd-, Wach- und Treibhund beliebt. Dort wird er sogar zur Entenjagd und früher zur Kängurujagd eingesetzt.

Mit einer Widerristhöhe von bis zu 69 Zentimetern bei Rüden und einem Gewicht von rund vierzig Kilogramm ist der Curly einer der größten Retriever. Im Wesen unterscheidet er sich spürbar von den freundlichen Allerweltsbildern, die man mit Retrievern verbindet. Er ist intelligent, mutig, selbstbewusst und eigenständig, fremden Menschen gegenüber eher zurückhaltend und neigt zur engen Bindung an eine Person oder eine Familie. Er bringt durchaus einen Will to please mit, ist dabei aber weniger unterwürfig als ein Golden und trifft notfalls eigene Entscheidungen. Wie der Flat reift auch er sehr langsam. Seine Fellpflege ist speziell, aber unkompliziert, am besten hält man die Locken durch regelmäßiges Schwimmen und gelegentliches Anfeuchten in Form. In Deutschland fallen pro Jahr oft nur eine Handvoll Welpen, was die Rasse zu einer echten Seltenheit macht. Für Anfänger ist dieser kluge, eigenständige Hund nur bedingt geeignet, in erfahrenen Händen aber ein wunderbarer, robuster Begleiter.

Gerade die Seltenheit bringt eine besondere Verantwortung mit sich. Wer einen Curly sucht, sollte Geduld mitbringen, längere Wartezeiten und weitere Anfahrten einplanen und sich nicht von vermeintlichen Schnäppchen aus unklarer Herkunft locken lassen. Die kleine Zuchtbasis macht es umso wichtiger, dass auf Gesundheit, Wesen und genetische Vielfalt geachtet wird. Wer bereit ist, sich auf einen Hund einzulassen, der eigenständiger denkt und entscheidet als die meisten seiner Verwandten, bekommt einen treuen, vielseitigen und überraschend ursprünglichen Begleiter, der einen Eindruck davon vermittelt, wie die frühen Retriever einmal gewesen sein müssen.

Der Chesapeake Bay Retriever

Der Chesapeake Bay Retriever, von seinen Liebhabern liebevoll Chessie genannt, ist der einzige Retriever, der seinen Ursprung nicht in Europa oder Kanada, sondern in den USA hat. Er stammt von der Chesapeake Bay, einer großen, flachen und im Winter eiskalten Flussmündung an der Ostküste im Bundesstaat Maryland. Über diese Bucht verläuft eine der großen Zugrouten der Wasservögel, und entlang ihrer Ufer entwickelte sich eine intensive Entenjagd, für die man einen besonders harten Apportierhund brauchte.

Die Entstehungsgeschichte rankt sich um eine schöne Legende, die man als solche kennzeichnen sollte, denn wissenschaftlich belegt ist sie nicht. Ihr zufolge wurden 1807 aus einem vor Maryland gestrandeten Schiff zwei St. John’s Neufundländer gerettet, ein rötlicher Rüde namens Sailor und eine schwarze Hündin namens Canton. Beide erwiesen sich als hervorragende Wasserapportierhunde. Obwohl die zwei nie miteinander verpaart wurden, gelten sie als Stammeltern der Rasse. Tatsächlich entstand der Chesapeake wohl über längere Zeit durch Kreuzung mehrerer Rassen, darunter Curly und Flat Coated Retriever, Irish Water Spaniel, verschiedene Setter und Coonhounds. 1878 wurde er vom American Kennel Club anerkannt, seit 1964 ist er offizieller Staatshund von Maryland.

Anders als die britischen Retriever wurde der Chessie nicht von wohlhabenden Adligen gezüchtet, sondern von rau lebenden Berufsjägern, die einen zähen, eigenständigen Hund brauchten. Das prägt ihn bis heute. Mit einer Widerristhöhe von bis zu 66 Zentimetern bei Rüden zählt er zu den größeren Retrievern. Auffällig sind seine bernsteinfarbenen bis gelben Augen und die Schwimmhäute zwischen den Zehen. Sein dichtes, leicht öliges, wasserabweisendes Doppelfell, das in Brauntönen, in Binsenfarbe und in Strohfarbe vorkommt, schützt ihn im eiskalten Wasser so gut, dass man ihn nicht mit Shampoo waschen sollte, weil das die schützende Fettschicht zerstört.

Charakterlich ist er der Arbeiter unter den Retrievern, unermüdlich, zielstrebig und ausgesprochen hart im Nehmen. Dazu kommt eine Eigenschaft, die man bei Retrievern sonst kaum findet, ein ausgeprägter Wach- und Schutztrieb. Während ein Labrador einen Einbrecher vermutlich freudig begrüßen würde, sieht der Chesapeake das Bewachen seiner Familie und seines Territoriums als seine Aufgabe an. Fremden gegenüber ist er reserviert, manchmal misstrauisch, seiner Familie gegenüber aber tief verbunden und sensibel. Diese Verbindung macht ihn zu einem faszinierenden, aber anspruchsvollen Hund, der eine ruhige, souveräne und sehr konsequente Führung braucht und in Anfängerhände nicht gehört.

Der Nova Scotia Duck Tolling Retriever

Der Nova Scotia Duck Tolling Retriever, kurz Toller, ist der kleinste der sechs Retriever und der einzige, der in Kanada entwickelt wurde. Seine Heimat ist die Provinz Nova Scotia, genauer die Gegend um Little River im Yarmouth County, wo er ursprünglich Little River Duck Dog oder Yarmouth Toller hieß. Sein Name verrät seine ganz besondere Jagdtechnik. To toll kommt aus dem Mittelenglischen und bedeutet anlocken.

Diese Technik ist einzigartig. Der Toller läuft am Ufer spielerisch hin und her, springt und wirbelt herum, wobei seine buschige, oft helle Rute auffällig blitzt. Dieses Schauspiel weckt die Neugier der Enten, die immer näher ans Ufer schwimmen, um zu sehen, was da los ist. Erst wenn sie in Schussweite sind, kommt der Jäger aus der Deckung, und anschließend apportiert der Toller das erlegte Wild aus dem Wasser. Die Idee dazu haben sich die Jäger vom Rotfuchs abgeschaut, der mit einem ähnlichen Spiel Wasservögel anlockt. Wahrscheinlich flossen auch Beobachtungen und Kenntnisse der indigenen Mi’kmaq ein. Über die genauen Vorfahren herrscht keine völlige Einigkeit. Als gesichert gilt, dass um 1860 eine Wavy Coated Retrieverhündin mit einem frühen Labradorvorläufer verpaart wurde und dass später Cocker Spaniel sowie der Irish Setter eingekreuzt wurden, dieser wohl wegen der roten Farbe. Ob auch der Chesapeake beteiligt war, ist umstritten.

Eine schwere Staupe-Epidemie zwischen 1908 und 1912 brachte die Rasse an den Rand des Aussterbens, bevor engagierte Züchter sie wieder aufbauten. Der kanadische Zuchtverband erkannte den Toller 1945 an, die FCI führt ihn seit 1981. Mit einer Widerristhöhe von 45 bis 51 Zentimetern ist er deutlich kleiner als die übrigen Retriever. Äußerlich besticht er durch sein leuchtend rotes bis orangefarbenes, mittellanges Fell mit dichter Unterwolle und weißen Abzeichen an Brust, Pfoten, Rutenspitze und im Gesicht.

Im Wesen gilt er als der Terrier unter den Retrievern, wacher, schneller und manchmal eigenwilliger als ein Labrador. Er ist hochintelligent, sensibel, extrem arbeitsfreudig und braucht zwingend eine Aufgabe. Typisch ist der sogenannte Toller-Scream, ein hoher, durchdringender Freudenschrei, den er in großer Aufregung ausstößt. Fremden gegenüber ist er, untypisch für einen Retriever, oft eher reserviert, taut nach einer Kennenlernphase aber schnell auf. Wegen der vergleichsweise kleinen Zuchtpopulation sollte man bei dieser Rasse besonders auf einen seriösen Züchter achten, der auf genetische Vielfalt und Gesundheit Wert legt.

Als reiner Familienhund ohne Aufgabe ist der Toller dennoch die falsche Wahl. Er ist ein Hochleistungssportler im kleinen Körper, der geistige und körperliche Auslastung braucht und sich sonst rasch langweilt. In aktiven Händen, die ihm Dummyarbeit, Hundesport oder jagdliche Führung bieten und ihm gleichzeitig beibringen, auch wieder zur Ruhe zu kommen, ist er ein treuer, verschmuster und unglaublich vielseitiger Begleiter.

Retriever heute: vom Apportierhund zum Allroundtalent

Die wenigsten Retriever, die heute bei uns leben, gehen noch zur Jagd. Trotzdem stecken die alten Anlagen unverändert in ihnen, und genau das macht sie zu so vielseitigen Begleitern. Ihr ausgeglichenes Wesen, ihre Lernfreude und ihre enge Bindung an den Menschen haben dafür gesorgt, dass Retriever in fast jedem Arbeitsbereich zu finden sind, in dem Hunde dem Menschen helfen.

Ein Retriever wird auch gern als Familienhund genommen

Golden und Labrador zählen zu den weltweit am häufigsten eingesetzten Blindenführ- und Assistenzhunden. Ihre Ruhe, Verlässlichkeit und ihr weiches Wesen sind dafür ideal. Im Rettungswesen arbeiten Retriever als Flächen-, Trümmer- und Wasserrettungshunde. Bei Polizei und Zoll sind sie als Spürhunde für Sprengstoff, Drogen oder Bargeld im Einsatz, weil ihre Nasenleistung und ihre Arbeitsmotivation überzeugen. In Kliniken, Heimen und Schulen begegnet man ihnen als Therapie- und Besuchshunden. Auch im Hundesport sind sie längst angekommen, ob im Dummysport, im Obedience, in der Nasenarbeit oder beim Mantrailing.

Mir persönlich liegt der Dummysport am Herzen, weil er die ursprüngliche Aufgabe der Retriever auf wunderbar tierschutzgerechte Weise erhält. Statt echten Wildes wird ein Dummy geworfen oder ausgelegt, und der Hund darf seine Anlagen zum Markieren, Einweisen und Suchen ausleben. Für den Hund ist das eine erfüllende Arbeit, für den Menschen ein faszinierendes Zusammenspiel aus Vertrauen, klarer Kommunikation und gemeinsamer Konzentration. Wer einen Retriever hat und nach einer sinnvollen Beschäftigung sucht, findet hier eine, die der Rasse von Grund auf entspricht.

Die Charakterunterschiede der sechs Rassen im Überblick

Wenn ich nach all den Jahren mit den verschiedenen Retrievern eines sagen kann, dann dieses: Das Etikett Retriever verrät erstaunlich wenig über den einzelnen Hund. Die sechs Rassen ähneln sich in ihrer Grundausstattung, unterscheiden sich im Temperament aber teils erheblich. Ein kurzer Vergleich macht das deutlich.

Der Labrador ist der unkomplizierte, futtermotivierte Allrounder, gutmütig und nervenstark, wobei die Arbeitslinie deutlich mehr Antrieb mitbringt als die ruhige Showlinie. Der Golden ist der sanfte, besonders menschenbezogene Vertreter, eine Spur weicher und sensibler als der Labrador, ebenfalls mit klarem Unterschied zwischen den beiden Linien. Der Flat Coated ist der ewig junge, fröhliche und feinfühlige Hund, der viel Geduld und eine besonders sanfte Hand verlangt. Der Curly Coated ist der selbstbewusste, eigenständige Denker, zurückhaltend gegenüber Fremden und nicht für jeden geeignet. Der Chesapeake ist der harte, wachsame Arbeiter mit echtem Schutztrieb, der eine souveräne Führung braucht. Der Toller schließlich ist das kleine, hochintelligente Energiebündel mit Hang zur Eigenwilligkeit und einer großen Portion Arbeitsdrang.

Ein paar Linien ziehen sich quer durch diese Unterschiede. Die drei häufigsten Rassen, Labrador, Golden und Flat, gelten allgemein als leichter führbar und stärker menschenbezogen. Die drei selteneren, Curly, Chesapeake und Toller, sind eigenständiger, reservierter gegenüber Fremden und reifen langsamer, sie passen eher zu erfahrenen Menschen. Eine Sonderstellung nimmt der Chesapeake mit seinem Wach- und Schutztrieb ein, der ihn unter allen Retrievern zur Ausnahme macht. Wichtig ist mir zu betonen, dass es sich dabei um Tendenzen handelt. Jeder Hund ist ein Individuum, und die Erziehung, die Sozialisierung und nicht zuletzt die Linie innerhalb der Rasse beeinflussen das Wesen mindestens so stark wie die Rassezugehörigkeit selbst.

Für die Praxis heißt das: Wer mit dem Gedanken spielt, einen Retriever bei sich aufzunehmen, sollte sich weniger von einem hübschen Welpenfoto leiten lassen als von der nüchternen Frage, welcher dieser sehr unterschiedlichen Charaktere zum eigenen Leben passt. Ein zurückhaltender Chesapeake stellt ganz andere Anforderungen als ein verspielter Golden aus der Showlinie, und ein sportlicher Field-Trial-Labrador verlangt ein ganz anderes Pensum als ein gemütlicher Vertreter der klassischen Linie.

Was alle Retriever verbindet

Bei aller Unterschiedlichkeit teilen die sechs Rassen einen gemeinsamen Kern, der direkt aus ihrer Geschichte als Apportierhunde stammt. Fast alle lieben das Wasser und schwimmen leidenschaftlich gern. Fast alle bringen einen ausgeprägten Apportiertrieb mit und tragen Dinge im Maul herum. Die meisten haben ein weiches Maul, also die Fähigkeit, einen Gegenstand zu tragen, ohne ihn zu beschädigen, eine Eigenschaft, die einst beim Bringen von Federwild entscheidend war. Die meisten besitzen außerdem jenen berühmten Will to please, die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Menschen, die das Training mit ihnen so schön macht.

Genau dieser gemeinsame Kern führt aber auch zum häufigsten Missverständnis. Weil Retriever als freundlich, verträglich und leicht erziehbar gelten, werden sie oft als bequeme Anfänger- und Familienhunde angeschafft, die einfach so nebenherlaufen. Das werden sie ihrem Wesen nach nicht. Ein Retriever ist ein Arbeitshund, gezüchtet über Generationen für eine anspruchsvolle Aufgabe, mit einem Kopf, der beschäftigt werden will, und einem Körper, der Bewegung braucht. Ein unterforderter Retriever wird selten aggressiv, aber er wird unzufrieden, und er sucht sich seine eigenen Beschäftigungen, vom rastlosen Eintragen von Gegenständen bis hin zu nervösem oder überdrehtem Verhalten.

Die gute Nachricht ist, dass man diesen Bedürfnissen mit überschaubarem Aufwand gerecht werden kann, auch ohne zu jagen. Apportier- und Dummyarbeit, Nasenarbeit, ruhiges Suchen, gemeinsames Training und natürlich der Zugang zu Wasser lasten einen Retriever wunderbar aus, körperlich wie geistig. Wer das bietet und dazu eine konsequente, freundliche und vollständig gewaltfreie Erziehung, der bekommt in jeder dieser sechs Rassen einen Partner, der zu Recht den Ruf genießt, einer der angenehmsten Begleiter zu sein, die man sich vorstellen kann. Welche der sechs, oder genauer welche der acht Varianten am besten zu einem passt, hängt am Ende weniger vom Aussehen ab als von der ehrlichen Antwort auf die Frage, wie viel Zeit, Bewegung und Beschäftigung man wirklich bieten kann und will.

Am Ende ist es genau diese Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach, die mich nach so vielen Jahren immer noch für die Retriever begeistert. Sechs Rassen, entstanden aus einem einzigen, längst ausgestorbenen Wasserhund an der kanadischen Küste, jede mit ihrer eigenen Geschichte und ihrem eigenen Charakter, und doch alle verbunden durch dieselbe stille Freude am Bringen und an der Arbeit mit dem Menschen. Wer das versteht und ehrlich zu sich ist, was er bieten kann, wird in einem Retriever einen Partner finden, der ihn ein Hundeleben lang nicht enttäuscht.

Ich bin Daniela mit Dackel Paul

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Dackelwissen.de ist. Auch bin ich Autorin von mehreren Dackelbüchern

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