Rückzüchtung Dackel

So sah damal der Dackel aus

Wer „Retro Dackel“ oder „Rückzüchtung Dackel“ in eine Suchmaschine eingibt, hat meist ein recht konkretes Bild im Kopf: einen Dackel, der wieder so aussieht und so gebaut ist wie früher – mit etwas längeren Beinen, einem weniger extrem gestreckten Rücken, insgesamt sportlicher und vor allem gesünder. Der Gedanke liegt nahe, denn beim Mops gibt es genau das: den „Retromops“ beziehungsweise „Altdeutschen Mops“, eine bewusste Rückzüchtung weg vom kurznasigen, kurzatmigen Extremtyp. Was beim Mops funktioniert, müsste sich doch auf den Dackel übertragen lassen – oder? Dieser Beitrag erklärt, was genau hinter den Begriffen steckt, woher die Idee kommt, warum die Rückzüchtung beim Dackel genetisch grundlegend anders funktioniert als beim Mops und welche Wege seriöse Zucht heute tatsächlich geht, um den Dackel gesünder zu machen.

Woher der Begriff „Retro“ stammt: das Vorbild Mops

Der Ausdruck „Retro“ im Zusammenhang mit Hunderassen wurde durch den Mops populär. Seit etwa 2006 verfolgen immer mehr Züchter das Ziel, die gesundheitlichen Extreme des modernen Mopses rückgängig zu machen. Der klassische Mops leidet durch seine extrem flache Schnauze unter Atemnot, schlechter Wärmeregulation und hervortretenden Augen. Beim „Retromops“ wird der Mops gezielt mit anderen Rassen – häufig dem Parson Russell Terrier – gekreuzt, um eine längere Schnauze, einen hochbeinigeren, sportlicheren Körper und damit eine deutlich höhere Lebensqualität zu erreichen. Über Generationen wird der Mopsanteil dann wieder erhöht. Der „Altdeutsche Mops“ verfolgt ein ähnliches Ziel, arbeitet aber innerhalb der Reinzucht mit ursprünglicheren Tieren.

Wichtig ist die begriffliche Unterscheidung, die im Mops-Umfeld bereits geführt wird und die sich direkt auf den Dackel übertragen lässt: Eine echte „Rückzüchtung“ bezeichnet die Selektion auf ursprünglichere, gesündere Merkmale – idealerweise innerhalb der Rasse. Der populäre „Retro“-Hund ist demgegenüber häufig schlicht ein gezielter Mischling. Beide Wege werden im Alltag unter denselben Schlagworten gegoogelt, meinen aber nicht dasselbe. Genau diese Unschärfe erklärt einen großen Teil der Verwirrung rund um den „Retro Dackel“.

Wie der Dackel früher aussah

Um zu verstehen, wohin eine Rückzüchtung überhaupt zurückführen soll, lohnt der Blick in die Geschichte. Die Urahnen des Dackels sind niederläufige Bracken, die schon vor Jahrhunderten zur Jagd in Erdbauen eingesetzt wurden. Bereits 1560 werden in der Jagdliteratur Hunde erwähnt, die speziell für die Jagd in Dachs- und Fuchsbauten gezüchtet wurden. Diese frühen Dackel waren jedoch kräftiger, höher gestellt und insgesamt weniger extrem gebaut als der moderne Ausstellungsdackel. Die systematische Zucht begann erst im 19. Jahrhundert: 1879 wurden die ersten Rassestandards festgelegt, 1888 folgte die Gründung des Deutschen Teckelklubs.

Entscheidend ist: Der ursprüngliche Dackel war ein funktionaler Gebrauchshund. Sein Körperbau – tiefer Brustkorb, kurze Läufe, langer Rücken – war kein Selbstzweck, sondern diente der Arbeit unter der Erde. Der Brustumfang, der bei Dackeln bis heute gemessen wird, entscheidet darüber, ob ein Hund überhaupt in einen Fuchs- oder Dachsbau passt. Über die Jahrzehnte verschob sich der Schwerpunkt jedoch zunehmend vom jagdlichen Gebrauch hin zum Erscheinungsbild auf Ausstellungen – und auf Zuchtschauen setzten sich tendenziell die Tiere mit besonders tiefer Brust, besonders kurzen Beinen und besonders langem Rücken durch. Genau diese Entwicklung ruft heute den Wunsch nach einem „ursprünglicheren“, weniger extremen Dackel hervor.

Der zentrale Irrtum: Warum Rückzüchtung beim Dackel anders funktioniert als beim Mops

Hier liegt der wichtigste fachliche Punkt, den fast alle oberflächlichen Quellen übersehen. Beim Mops genügt es im Prinzip, eine längernasige Rasse einzukreuzen, um die Schnauze zu verlängern – das Merkmal lässt sich vergleichsweise direkt beeinflussen. Beim Dackel ist das nicht so einfach, und der Grund liegt in der Genetik der Kurzbeinigkeit.

Die kurzen Beine des Dackels gehen im Wesentlichen auf eine genetische Variante namens CDPA (Chondrodysplasie, eine FGF4-Retrogen-Einfügung auf Chromosom 18) zurück. Diese Variante wird dominant vererbt. Das bedeutet: Schon eine einzige Kopie reicht aus, um kurze Beine hervorzubringen. Kreuzt man einen Dackel mit einer langbeinigen Rasse, erbt der Großteil der Nachkommen die Kurzbeinigkeit trotzdem – ein „Dackelmix“ hat deshalb fast immer ebenfalls kurze Beine. Eine einfache Rückzüchtung auf lange Beine, wie man sie vom Mops kennt, ist auf diesem Weg nicht möglich. Wer also glaubt, durch Einkreuzen automatisch einen hochbeinigen, „gesünderen“ Dackel zu bekommen, unterliegt einem genetischen Trugschluss.

Zwei verschiedene Gene, zwei verschiedene Folgen

Um die Sache wirklich zu durchdringen, muss man zwei genetische Varianten sauber auseinanderhalten, die beim Dackel beide eine Rolle spielen und die in populären Texten ständig vermischt werden.

Die erste ist die bereits genannte CDPA auf Chromosom 18. Sie bestimmt maßgeblich die Beinlänge. Nach heutigem Kenntnisstand verursacht sie ausschließlich die Kurzbeinigkeit und ist nicht mit einem erhöhten Bandscheibenrisiko verbunden. Sie gehört zum rassetypischen Erscheinungsbild und ist für sich genommen kein Gesundheitsproblem.

Die zweite ist CDDY (Chondrodystrophie, eine zweite FGF4-Retrogen-Einfügung, auf Chromosom 12). Diese Variante hat eine doppelte Wirkung: Sie verkürzt ebenfalls die Beine, verursacht aber zusätzlich eine vorzeitige Degeneration der Bandscheiben und ist damit der entscheidende genetische Risikofaktor für den gefürchteten Bandscheibenvorfall (IVDD). Die ausführliche molekulargenetische Erklärung dieser beiden Gene, der Genotypen N/N, N/CDDY und CDDY/CDDY sowie der unterschiedlichen Erbgänge findet sich in unserem Beitrag über den Dackel mit langen Beinen.

Für das Thema Rückzüchtung ist die Trennung dieser beiden Gene der Schlüssel zu allem. Denn sie führt zu einer Erkenntnis, die viele überrascht: Das gesundheitlich Problematische am Dackel ist nicht zwingend an die kurzen Beine gekoppelt.

„Wenn wir das herauszüchten – haben wir dann lange Beine?“

Diese Frage stellt sich fast jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, und die Antwort ist beruhigend differenziert: Nein, nicht automatisch. Würde man gezielt CDDY herausselektieren, um das Bandscheibenrisiko zu senken, blieben die Beine durch die weiterhin vorhandene CDPA-Variante kurz. Ein CDDY-freier Dackel ist also nicht zwangsläufig ein langbeiniger Dackel. Erst wenn auch CDPA fehlt, werden die Läufe so lang wie bei anderen Hunden vergleichbarer Größe.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Eine gesundheitsorientierte Rückzüchtung beim Dackel muss gar nicht das typische Erscheinungsbild opfern. Theoretisch lässt sich das gesundheitlich riskante CDDY-Gen reduzieren, ohne den Dackel zum Hochbeiner zu machen – das kurze, typische Erscheinungsbild über CDPA kann erhalten bleiben. Genau das ist der Punkt, an dem sich seriöse Rückzüchtung vom bloßen „Retro“-Etikett unterscheidet.

Das eigentliche Problem ist nicht der Körperbau allein

Lange Zeit galt die einfache Formel: langer Rücken plus kurze Beine gleich Bandscheibenvorfall. Diese Vorstellung ist nach heutigem Wissensstand zu kurz gegriffen. Der Hauptrisikofaktor für den Bandscheibenvorfall vom Typ I ist die genetisch bedingte vorzeitige Verkalkung der Bandscheiben durch CDDY – nicht allein die Länge des Rückens. Das erklärt auch, warum selbst Rassen mit normal langem Rücken ein erhöhtes Risiko tragen können, wenn sie CDDY besitzen, während der Körperbau allein das Risiko nicht vollständig erklärt.

Daraus folgt eine wichtige Konsequenz für jeden, der über einen „Retro Dackel“ nachdenkt: Ein Hund mit etwas längeren Beinen ist nicht automatisch gesünder, solange er das CDDY-Gen trägt. Und ein Dackelmix vom Vermehrer, der mit dem Schlagwort „gesünder, weil längere Beine“ beworben wird, ist keineswegs garantiert frei von dem entscheidenden Risikofaktor. Gesundheit lässt sich beim Dackel nicht zuverlässig an der Beinlänge ablesen, sondern nur über gezielte Diagnostik.

Warum man CDDY nicht einfach komplett ausschließen kann

An dieser Stelle wird es zuchtbiologisch heikel. Man könnte meinen, die Lösung sei einfach: Man lässt nur noch CDDY-freie Dackel zur Zucht zu, und das Problem ist nach wenigen Generationen gelöst. Tatsächlich ist die Variante in der Dackelpopulation aber so weit verbreitet, dass über 95 Prozent aller Tiere diesen Risikofaktor tragen. Ein abrupter, vollständiger Ausschluss würde den Genpool dramatisch verengen und damit neue, möglicherweise schlimmere Gesundheitsprobleme durch Inzucht heraufbeschwören. Verantwortungsvolle Zucht muss also einen Mittelweg finden, statt eine einzelne Genvariante kompromisslos zu eliminieren.

Wie seriöse „Rückzüchtung“ beim Dackel heute tatsächlich aussieht

Statt eines plakativen „Retro“-Typs setzen ernsthafte Zuchtansätze auf mehrere ineinandergreifende Werkzeuge:

Zum einen den Gentest auf CDDY. Er erlaubt es, den Anteil reinerbig betroffener Tiere (CDDY/CDDY) über Generationen schrittweise zu senken, ohne den Genpool zu sprengen. Verpaarungen lassen sich so planen, dass nicht zwei hochbelastete Tiere miteinander verpaart werden.

Zum anderen die Röntgendiagnostik der Wirbelsäule. In Skandinavien – etwa in Dänemark und Schweden – wird seit einigen Jahren bei Zuchttieren zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr die Zahl der verkalkten Bandscheiben bestimmt (sogenannter K-Score oder IVDD-Score). Hunde mit wenigen veränderten Bandscheiben haben ein deutlich geringeres Vorfallrisiko und eignen sich besser für die Zucht. Diese Praxis zeigt messbare Erfolge: Die durchschnittliche Zahl degenerierter Bandscheiben in den betreffenden Populationen sinkt nachweislich.

Hinzu kommen die klassischen Stellschrauben eines maßvollen Körperbaus – kein übertrieben langer Rücken, eine ordentliche Bemuskelung, eine schlanke Linie – sowie das konsequente Einbeziehen jagdlicher Gebrauchszuchten, in denen Funktion und Gesundheit traditionell höher gewichtet werden als ein extremes Schauäußeres. Auch der Deutsche Teckelklub betreibt inzwischen ein Gesundheitsmonitoring und sammelt systematisch Daten zu Rücken und Bandscheiben, um die Zucht datenbasiert steuern zu können.

Ist der Dackel eine Qualzucht?

Diese Frage schwingt bei der Suche nach einem „Retro Dackel“ fast immer mit. Die Antwort der Zuchtverbände lautet differenziert: Nein, der Dackel ist keine Qualzucht im rechtlichen Sinne. Das erhöhte Bandscheibenrisiko geht auf eine genetische Mutation zurück, die vor über 4.000 Jahren entstanden ist und bei zahlreichen Rassen und sogar bei Mischlingen vorkommt. Zudem ist die oft kolportierte Zahl, jeder vierte Dackel erleide einen Bandscheibenvorfall, nach der bislang größten Studie überzogen; realistischer ist eine Größenordnung von rund 15 Prozent, in den organisierten Zuchtvereinen sogar darunter. Und nicht jeder Hund mit dem Risikogen erkrankt: Übergewicht, mangelnde Bewegung und weitere, teils noch unbekannte Faktoren spielen mit hinein. Das ändert nichts daran, dass die Reduktion des Risikos ein berechtigtes und wichtiges Zuchtziel ist – nur eben mit den richtigen Mitteln.

Was Sie aus diesem Beitrag mitnehmen sollten

Der „Retro Dackel“ als simples Gegenstück zum Retromops existiert in dieser Form nicht, weil die Kurzbeinigkeit des Dackels dominant vererbt wird und sich nicht einfach „wegkreuzen“ lässt. Wer einen langbeinigen Dackelmix als „gesünder“ angeboten bekommt, sollte skeptisch sein: Lange Beine sind weder ein Beleg für Gesundheit noch für Freiheit vom entscheidenden Risikogen. Echte Rückzüchtung im Sinne von mehr Gesundheit bedeutet beim Dackel etwas anderes – nämlich die gezielte, behutsame Reduktion des CDDY-Gens mithilfe von Gentest und Wirbelsäulen-Röntgen, kombiniert mit einem maßvollen Körperbau und vernünftiger Haltung. Das typische, geliebte Dackel-Aussehen muss dafür nicht verschwinden. Wer einen gesunden Dackel sucht, fragt deshalb nicht nach langen Beinen, sondern nach Gentest-Ergebnissen, Röntgenbefunden der Elterntiere und einer Zucht, die Gesundheit über das Extrem stellt.

Ich bin Daniela mit Dackel Paul

Willkommen in meinem Dackelblog, der eine Ergänzung zu der Website

Dackelwissen.de ist. Auch bin ich

Autorin von mehreren Dackelbüchern

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