Leinen Agressionen selbst gemacht

Höre damit noch heute auf!

In der überwältigenden Mehrheit der Fälle wird Leinenaggression nich einem Hund angeboren. Sie wird ihm beigebracht. Nicht absichtlich, nicht böswillig, sondern aus einer Annahme, die so verbreitet ist, dass sie als unverrückbar gilt: der Annahme, Hunde müssten andere Hunde an der Leine begrüßen dürfen.

Ich erlebe das hier auf dem Dorf täglich, kannst Du hier lesen:

Der will nur mal „Hallo“sagen ( oder auch nicht)

Hier kommst du noch zur großen Dackelwelpen Welt

Die unbequeme Wahrheit über Leinenaggression

Es gibt eine Beobachtung, die jede erfahrene Trainerin nach wenigen Jahren Berufspraxis macht, und die in Hundeschulen, Vereinen und offenen Gruppen trotzdem selten direkt ausgesprochen wird, weil sie Halter unbequem berührt. Sie lautet: Wer einen leinenaggressiven Hund hat, hat das Verhalten in den allermeisten Fällen selbst antrainiert. Über Monate, oft über Jahre, in einer Praxis, die sich wie Höflichkeit anfühlt und wie Fürsorge aussieht. „Der will doch nur Hallo sagen.“ „Die regeln das schon untereinander.“ „Lass die mal kennenlernen.“ Diese drei Sätze sind in deutschen Stadtparks zwischen sieben Uhr morgens und neun Uhr abends so verlässlich zu hören wie das Krähen einer Amsel.

Sie werden gesagt, lange bevor jemand vor seinem dritten oder vierten Vorfall in einer Hundeschule sitzt. Sie sind die akustische Begleitmusik einer Praxis, die eines der häufigsten Verhaltensprobleme erst erschafft, das diese Halter zwölf oder achtzehn Monate später teuer und mühsam beheben lassen wollen.

Dieser Artikel begründet eine harte These und belegt sie. Die These lautet: Leinenaggression ist in den allermeisten Fällen kein Charakterproblem des Hundes, sondern das vorhersagbare Ergebnis einer falschen Begegnungspraxis. Wer das einmal verstanden hat, hört auf, seinen Hund zu jeder Begegnung hinzulassen. Wer es nicht versteht, wird später einen Hund haben, der bei jedem Anblick eines Artgenossen in die Leine springt und schnappt. Das ist eine fast formelhaft eintretende Vorhersage, die sich auf Lerntheorie, Stressphysiologie und mehrere Jahrzehnte ethologischer Forschung stützt.

Was Leinenaggression tatsächlich ist (und was nicht)

Der Begriff Leinenaggression bezeichnet eine Gruppe von Verhaltensweisen, die ein Hund ausschließlich oder überwiegend dann zeigt, wenn er an der Leine geführt wird: lautes Bellen, das Springen ins Geschirr, Knurren, Vorpreschen, Schnappen in Richtung eines auslösenden Reizes, im fortgeschrittenen Stadium auch das gerichtete Beißen. Diagnostisch entscheidend ist eine Beobachtung, die viele Halter selbst machen, ohne ihre Bedeutung zu erfassen: Im Freilauf zeigen dieselben Hunde häufig keinerlei oder deutlich abgemilderte Aggression gegenüber anderen Hunden. Sie weichen aus, gehen Bögen, schnüffeln kurz, gehen weiter.

Diese Diskrepanz ist kein Detail, sie ist der wichtigste Befund überhaupt. Sie zeigt, dass die Aggression nicht aus einem grundsätzlich aggressiven Wesen entspringt, sondern aus der spezifischen Situation des Geführtwerdens an einer Leine. Wäre das Tier von Natur aus aggressiv, würde sich dieses Verhalten in jeder Situation zeigen. Tut es nicht. Folglich ist die Leine selbst, beziehungsweise das, was die Leine in der jeweiligen Begegnung mit Hund und Halter bewirkt, der wesentliche Faktor.

Fakten-Kasten

In der klinischen Verhaltensmedizin werden mindestens sieben Aggressionsformen unterschieden: angstmotivierte Aggression, frustrationsbedingte Aggression, schmerzbedingte Aggression, territoriale Aggression, mütterlich-protektive Aggression, Konfliktaggression und Beuteaggression (Overall 2013). „Leinenaggression“ ist keine eigenständige Diagnose, sondern ein Auftrittskontext. Im Kontext der Leine finden sich in der Praxis am häufigsten zwei Mischformen: Angst- und Distanzkommunikationsaggression auf der einen Seite, Frustaggression auf der anderen, oft beim selben Tier in unterschiedlichen Begegnungen.

Diese Differenzierung ist nicht akademisch. Sie ist die Voraussetzung dafür, das Entstehungsbild korrekt zu lesen. Denn beide Wege, der angstgeleitete und der frustrationsgeleitete, führen letztlich über dieselbe falsche Praxis dorthin. Sie führen über die Leinenbegegnung.

Der Mythos der freien Begegnung an der Leine

Woher kommt eigentlich die Idee, Hunde müssten einander an der Leine begrüßen dürfen? Ihre Wurzeln liegen, sehr verkürzt, in zwei Annahmen, die beide nicht haltbar sind. Die erste lautet, der Hund sei ein Rudeltier in dem Sinne, in dem der Wolf eines ist, und brauche soziale Kontakte zu Artgenossen so dringend wie sein Futter. Die zweite lautet, ein freundlicher Hund müsse jeden anderen freundlich begrüßen.

Beide Annahmen sind in der modernen Verhaltensbiologie längst entkräftet. John Bradshaw (Bradshaw 2011) hat in einer umfangreichen Aufarbeitung der Forschung gezeigt, dass der Haushund kein Rudeltier in der strengen Bedeutung ist. Wo verwilderte Haushunde gruppenhaft zusammenleben, etwa in italienischen Vorstädten oder rumänischen Streunerbevölkerungen, bilden sie lockere, fluide Verbände, in denen einzelne Tiere kommen und gehen, in denen es keine starre Hierarchie gibt und in denen die Mitglieder einander tolerieren, ohne dass jeder mit jedem Kontakt sucht. Dorit Feddersen-Petersen (Feddersen-Petersen 2008) hat entsprechende Befunde für den deutschsprachigen Leser übersichtlich aufgearbeitet.

Erwachsene Hunde sind keine geselligen Partygänger. Sie sind selektiv. Wer mit zwanzig oder dreißig Jahren Hundeerfahrung in die Welt schaut, weiß das, weil er es immer wieder gesehen hat: Hunde haben zwei, drei vertraute Spielpartner, mit denen sie gern zusammenkommen, und ignorieren alle übrigen Artgenossen, sofern man sie lässt. Sie sind nicht unfreundlich, wenn sie nicht hinwollen. Sie sind erwachsen.

Die Vorstellung, der eigene Hund müsse jeden begrüßen, ist eine Übertragung menschlicher Höflichkeitsnormen auf eine Spezies, die diese Normen nicht teilt. Hunde grüßen einander nicht aus Anstand. Sie grüßen, wenn ein konkretes Bedürfnis besteht, und der Vollzug dieses Grußes folgt einem hochformalisierten Ritual, das an der Leine schlicht nicht stattfinden kann.

Was die Leine biomechanisch und psychologisch bewirkt

Um zu begreifen, warum Leinenbegegnungen für viele Hunde toxisch sind, hilft es, sich klar zu machen, was eine Leine bedeutet. Sie ist nicht einfach ein Halteband. Sie ist eine umfassende Einschränkung dreier zentraler Verhaltensoptionen, die ein Hund in der Begegnung mit einem fremden Artgenossen normalerweise einsetzen würde.

1. Die Leine nimmt die Fluchtoption

Die Fluchtdistanz ist in der Verhaltensbiologie keine Schwäche, sondern ein Reservoir an Sicherheit. Ein Hund, der ausweichen, sich abdrehen, hinter den Halter treten oder einen größeren Bogen laufen kann, ist ein Hund, der seine eigene Erregung selbst regulieren kann. Eine Leine, vor allem eine kurze, halbiert dieses Reservoir oder löscht es ganz. Beerda und Kollegen (Beerda et al. 1997, 1998) konnten in einer Reihe kontrollierter Untersuchungen zeigen, dass Hunde unter restriktiven Bedingungen, insbesondere bei vermindertem Bewegungs- und Distanzraum, deutliche Stressindikatoren aufweisen: erhöhte Speichelcortisolwerte, erhöhte Herzfrequenz, vermehrtes Maulkippen, Gähnen, Pfoteheben, Hecheln ohne thermische Notwendigkeit, geduckte Körperhaltungen.

2. Die Leine erzwingt eine frontale Annäherung

Wenn zwei Hunde an gespannten Leinen aufeinander zugeführt werden, treffen sie sich frontal, Kopf an Kopf, in einer Konstellation, die unter Hunden im Freilauf vermieden wird. Die frontale Annäherung ist im hündischen Repertoire ein Imponiergestus, ein Schritt zur Auseinandersetzung, kein Gruß. Begrüßende Hunde nähern sich seitlich, in leichten Bögen, mit weichen Körpern, und beschnüffeln einander zuerst an Flanke und Hinterteil, nicht im Gesicht. Die Leine zwingt sie zu einer Begegnung, die sie freiwillig nie gewählt hätten.

3. Die Leine blockiert die Beschwichtigungssignale

Turid Rugaas (Rugaas 2005) hat in ihrer in zwei Jahrzehnten Trainerpraxis bestätigten Arbeit über die Calming Signals beschrieben, dass Hunde in unsicheren oder potenziell konfliktreichen Situationen eine ganze Bandbreite feiner Signale einsetzen, um Spannung zu reduzieren: Kopfwegdrehen, Lecken über die Nase, Augenblinzeln, Pfoteheben, Bogenlaufen, Schnüffeln am Boden, kurzes Erstarren mit weichem Auge. Diese Signale sind nur wirksam, wenn der Empfänger sie wahrnehmen und mit ähnlichen Signalen beantworten kann. Zwei Hunde, die mit gestrafften Leinen aufeinander zugeführt werden, sehen einander direkt an, haben keinen Raum für seitliche Bewegungen, können nicht innehalten, ohne dass der Halter weiterzieht, können sich nicht abwenden, ohne von hinten gezogen zu werden. Die Calming Signals werden gesendet, kommen aber nicht an oder werden vom Gegenüber als Bedrohungsabwehr fehlgelesen.

Das Ergebnis dieser dreifachen Restriktion ist physiologisch beschreibbar. Der sympathische Anteil des autonomen Nervensystems wird aktiviert, Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, die Pupillen erweitern sich, die Muskelspannung steigt. Der Hund befindet sich in einem Zustand, den Verhaltensbiologen als reaktive Mobilisierung beschreiben. Aus diesem Zustand heraus wird kein Hund freundlich grüßen. Er kann es schlicht nicht.

Die Leine ist nicht das Problem. Das Problem ist, was die Leine in dem Augenblick mit dem Hund macht, in dem ein fremder Artgenosse näherkommt und der Halter die Begegnung zulässt.

Wie hündische Begegnungen in Wirklichkeit aussehen

Wer einmal zwei souveräne, gut sozialisierte Hunde im Freilauf bei einer Begegnung beobachtet hat, hat es gesehen, ohne es vielleicht benennen zu können. Die Hunde nehmen einander auf etwa fünfzehn bis zwanzig Metern wahr. Beide unterbrechen kurz ihre Bewegung. Beide drehen den Kopf leicht weg, schnüffeln am Boden, gehen weiter, aber nicht direkt aufeinander zu, sondern auf einer leicht geschwungenen Linie, die sich mit etwa drei bis fünf Metern Abstand kreuzt. Dort findet, wenn überhaupt, ein kurzer Seitenkontakt statt, bei dem die Hunde Schulter an Schulter stehen, einander an Flanke oder Hinterhand beschnüffeln, dann setzt einer sich kurz, der andere geht weiter, und das war es. Diese Begegnung dauert von der ersten Wahrnehmung bis zur Trennung selten länger als zwanzig bis dreißig Sekunden. Davon entfällt auf den eigentlichen Sozialkontakt vielleicht drei bis fünf Sekunden.

Rugaas hat hieraus die in der Trainerpraxis bekannte Drei-Sekunden-Regel abgeleitet: Wenn überhaupt eine Begegnung an der Leine stattfindet, sollte sie nach drei Sekunden beendet sein, weil danach die Spannung in der Konstellation steigt und das Risiko einer Eskalation deutlich zunimmt.

Diese choreografierte Höflichkeit ist evolutionsbiologisch sinnvoll. Hunde leben, wenn man die domestizierten und verwilderten Populationen weltweit betrachtet, in einer Welt voller fremder Artgenossen, mit denen Konflikte ressourcenintensiv und potenziell verletzungsgefährlich sind. Die Vermeidung der unnötigen Begegnung ist die Norm, nicht die Ausnahme. Hunde, die jeden Artgenossen aufsuchen würden, wären in der freien Wildbahn evolutionär längst verschwunden.

An einer Leine geht das alles nicht. Der Bogen ist nicht möglich, weil der Halter geradeaus zum anderen Halter zuläuft. Die Geschwindigkeit ist nicht regulierbar, weil der Halter sie vorgibt. Der Seitenkontakt ist verbaut, weil die Leinen sich frontal kreuzen. Das Innehalten und Schnüffeln am Boden ist nicht möglich, weil der Halter weiterzieht. Und der entscheidende Faktor: Der Abbruch nach drei bis fünf Sekunden findet nicht statt, weil sich die Halter unterhalten, fragen, wie der Hund heißt, wie alt er ist, ob er kastriert ist, was er für eine Rasse ist, und währenddessen stehen die beiden Tiere weiterhin in einer Spannungskonstellation, deren angemessene Dauer um ein Vielfaches überschritten ist.

Der Hund als selbsternannter Regulierer

Hier kommt eine Überlegung ins Spiel, die für das Verständnis des Themas zentral ist und in der Halterkommunikation oft unterschlagen wird, weil sie unbequem klingt. Wenn ein Halter seinen Hund nicht aktiv vor unerwünschten Begegnungen schützt, sondern stattdessen jede Annäherung zulässt und mit der vertrauensseligen Floskel „die machen das schon“ begleitet, dann fällt diese Aufgabe der sozialen Regulation auf den Hund zurück. Das Tier sieht sich in der Pflicht, die Begegnung selbst zu steuern: zu prüfen, ob das Gegenüber freundlich ist, ob die Situation sicher ist, ob ein Konflikt droht.

Für einen Hund mit weichem Wesen und niedriger Eigenständigkeitstendenz ist das eine Überforderung, die er zunächst mit Rückzug, gedrückter Haltung, vermehrten Beschwichtigungssignalen und mit der Zeit mit Vermeidungsaggression beantwortet. Sobald er einmal die Erfahrung gemacht hat, dass Bellen und Hochspringen die Distanz vergrößert, weil der andere Halter mit seinem Hund weitergeht, lernt er, dass dieses Verhalten ihm die ungewünschte Begegnung erspart. Diese Lernerfahrung wiederholt sich Hunderte Male über Wochen und Monate, bis die zugehörige Reaktionskette so verfestigt ist, dass bereits der Anblick eines Hundes in zwanzig Metern Entfernung sie auslöst.

Für einen Hund mit hartem, eigenständigem Wesen, und der Dackel ist hier ein typisches Beispiel, weil er aus einer Jagdverwendung kommt, in der eigenständige Entscheidungen im Bau gegen wehrhaftes Wild den Charakter geformt haben, ist die Übernahme der Regulationsaufgabe etwas anderes. Diese Hunde übernehmen die Aufgabe nicht aus Überforderung, sondern aus innerer Überzeugung. Sie sehen sich als zuständig. Und wenn die Halter ihnen über Monate hinweg nicht zeigen, dass sie selbst die Verantwortung übernehmen, dann entscheiden diese Tiere irgendwann, dass sie diese Verantwortung allein ausüben werden, mit dem ihnen verfügbaren Werkzeug: lauter, eindringlicher Distanzkommunikation, die der Mensch als Aggression liest.

Anders Hallgren (Hallgren 2008) hat in seinen Studien zur Stressphysiologie von Hunden gezeigt, dass eine derartige chronische Verantwortlichkeit, kombiniert mit der Unfähigkeit, sie wirksam wahrzunehmen, weil die Leine die Optionen begrenzt, zu einer dauerhaften Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse führt. Die Cortisolspiegel bleiben über Tage und Wochen erhöht, der Hund kommt nicht mehr in eine echte Erholung, das Immunsystem leidet, Schlafarchitektur und Verdauung werden beeinträchtigt. Beerda und Kollegen (Beerda et al. 1998) berichteten in ihrer experimentellen Arbeit, dass nach einer einzelnen mittelschweren Stresssituation die Cortisolwerte je nach Tier zwischen vier und mehreren Stunden, in seltenen Fällen bis zu mehreren Tagen brauchen, um auf das Ausgangsniveau zurückzukehren. Bei Hunden, die täglich mehrere Leinenbegegnungen unter Anspannung durchlaufen, lässt sich der Cortisolspiegel praktisch nie mehr vollständig senken.

Wichtig zu verstehen

Ein chronisch erregter Hund ist nicht nur ein leidender Hund. Er ist ein Hund, dessen Reizschwelle für aggressive Reaktionen Tag für Tag weiter sinkt. Das ist der Grund, warum ein Tier, das mit acht Monaten freundlich neben jedem Artgenossen herlief, mit vierzehn Monaten in die Leine springt. Nicht weil sein Wesen sich verändert hat. Sondern weil sein Cortisolspiegel über Monate keine Pause hatte.

Wie Leinenaggression im Detail entsteht (lerntheoretisch)

Die Frage, warum aus der gut gemeinten Praxis des Begrüßenlassens irgendwann ein Hund wird, der sich an der Leine in den Halter dreht und schnappt, lässt sich exakt lerntheoretisch beschreiben. Es laufen vier Prozesse parallel ab, die einander verstärken.

Prozess eins: Klassische Konditionierung einer negativen Emotion

Der Hund erlebt wiederholt Begegnungen, die mit körperlicher Anspannung verbunden sind, weil die Leine sich strafft, die Halter aufgeregt reden, das Gegenüber frontal näherkommt. Auch wenn die einzelne Begegnung nicht in einer offenen Auseinandersetzung endet, ist sie für das Tier physiologisch belastend. Der Reiz „anderer Hund auf dem Weg“ wird zunehmend mit dem inneren Zustand „Anspannung, erhöhter Puls, beengter Brustkorb, Ohnmachtsgefühl im Geschirr“ verknüpft. Diese Verknüpfung baut sich, je nach individueller Disposition, in zehn bis dreißig Wiederholungen auf einem Niveau auf, das den Hund schon beim bloßen Anblick eines anderen Hundes in einen voraktivierten Zustand versetzt.

Prozess zwei: Operante Konditionierung der Aggressionshandlung

Irgendwann, oft zwischen dem achten und vierzehnten Monat, in einer Phase erhöhter sozialer Sensibilität, eskaliert der Hund. Er bellt, springt in die Leine, knurrt. Das Gegenüber reagiert: Der andere Halter geht mit seinem Hund weiter, oft mit einer abschätzigen Bemerkung, gelegentlich auch mit einer Entschuldigung. Entscheidend ist, dass die ungewünschte Annäherung endet. Aus Sicht des Hundes hat sein Verhalten erfolgreich bewirkt, dass der bedrohliche Reiz aus der Reichweite entfernt wurde. In der Lerntheorie heißt das negative Verstärkung, und sie ist neben dem Futterlob die stärkste verfügbare Lernkonsequenz. Was negativ verstärkt wird, wird zuverlässig wiederholt, in der nächsten Begegnung früher, lauter, mit weniger Vorwarnung.

Prozess drei: Sensitivierung

Während Habituation, also die Gewöhnung an einen wiederkehrenden Reiz, normalerweise zur Abnahme der Reaktion führt, kann derselbe Reiz unter Bedingungen anhaltender Anspannung zur Sensitivierung führen, also zur Verstärkung der Reaktion bei jeder neuen Wiederholung (Lindsay 2005). Welche der beiden Richtungen eintritt, hängt vom Erregungsniveau ab, in dem der Hund den Reiz erlebt. Ist die Erregung niedrig, gewöhnt er sich. Ist sie hoch, wird er empfindlicher. Hunde, die wiederholt in angespannten Leinenbegegnungen waren, sensibilisieren sich für den Reiz „Hund auf dem Weg“, nicht umgekehrt. Genau hier liegt der Denkfehler vieler Halter, die glauben, ihr Hund müsse „nur öfter Kontakt“ haben, damit er „lerne“. Das Gegenteil ist der Fall.

Prozess vier: Generalisierung

Das, was ursprünglich vielleicht bei einem bestimmten Hundetyp begann, etwa beim großen, dunklen, schnell sich nähernden Hund, dehnt sich über die Zeit aus. Erst auf alle großen Hunde, dann auf alle dunklen, dann auf alle Hunde, die im Bewegungsstil ähnlich sind. Schließlich auf alle Artgenossen. Aus der ursprünglich punktuellen Empfindlichkeit wird ein flächendeckender Konflikt mit einer ganzen Reizklasse.

Diese vier Prozesse benötigen, je nach individueller Disposition, zwischen drei und achtzehn Monaten, um einen ursprünglich freundlichen, neugierigen Junghund in einen leinenaggressiven adulten Hund zu transformieren. Der Halter wird in dieser Zeit, wenn er aufmerksam ist, drei Phasen wahrnehmen. In Phase eins pöbelt der Hund nur bei manchen Hunden, der Halter denkt, er habe einen Lieblingsfeind getroffen. In Phase zwei pöbelt der Hund häufiger, der Halter beginnt einzelne Tiere zu meiden. In Phase drei pöbelt der Hund verlässlich, der Halter sucht eine Hundeschule auf.

Die Leine als Verstärker und der Halter als Resource

Eine Schicht, die in der Erklärung von Leinenaggression häufig fehlt, ist die Rolle des Halters innerhalb der Konstellation. Aus hündischer Sicht ist ein an der Leine geführter Hund nicht ein Tier allein gegen die Welt, sondern eine Zwei-Wesen-Einheit, in der das andere Wesen, der Mensch, von Bedeutung ist. Der Mensch ist Schutz, Futterquelle, sozialer Anker, gelegentlich Hindernis. In Begegnungen mit fremden Artgenossen kann der Mensch außerdem zur Resource werden, die der Hund verteidigt.

Diese Form, in der Verhaltensmedizin als Konflikt- oder Ressourcenaggression mit sozialem Bezug beschrieben (Overall 2013), tritt häufiger auf, als es Halter ahnen. Sie äußert sich darin, dass der Hund den eigenen Halter mit dem Körper abschirmt, die Position zwischen Halter und annäherndem Artgenossen einnimmt, fixiert und vorprellt. Der Halter interpretiert diese Konstellation oft als „mein Hund beschützt mich“, was nicht ganz falsch, aber stark verharmlosend ist. Was sich aufbaut, ist eine Verkettung, in der die Anwesenheit des Halters das aggressive Verhalten des Hundes verstärkt, weil der Halter aus Sicht des Tieres zu den Dingen gehört, die verteidigt werden müssen.

Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Aspekt. Die Leine selbst überträgt Information. Sobald der Halter einen anderen Hund am Horizont sieht und sich anspannt, weil er bereits ahnt, was kommt, verkürzt er die Leine, hält den Atem an, versteift den Arm. Diese mechanischen und atmungsbezogenen Veränderungen sind über die Leine direkt am Hund spürbar. Aus seiner Sicht: Mein Halter ist gerade angespannt. Folglich ist die Situation gefährlich. Folglich muss ich reagieren. Der Halter, der in jahrelanger Erfahrung gelernt hat, dass jede Leinenbegegnung eine kleine Katastrophe sein kann, bereitet seinen Hund über die Leine darauf vor, dass jetzt eine kleine Katastrophe ansteht. Die selbsterfüllende Prognose verfestigt sich von beiden Seiten.

Schließlich gibt es einen vierten, hochwirksamen Lernkanal, der oft erst spät bemerkt wird: das Anziehen der Leine im Moment der Erregung. Wenn ein Halter, sobald sein Hund auf einen anderen reagiert, die Leine an sich reißt, an ihr ruckt, ihn zurückzieht oder hochhebt, dann verknüpft der Hund den anderen Hund mit körperlich unangenehmen Erfahrungen. Aus dieser Verknüpfung wird in der Folge eine Konditionierung im Sinne klassischer Aversion: Der andere Hund bedeutet Schmerz. Es muss nicht offene Strafe sein. Schon das wiederholte unwillkürliche Strecken in das Brustgeschirr unter dem Druck einer kurzen Leine genügt, dies zu etablieren.

Hinweis zur Geschirrwahl

Diese Mechanik ist auch der Grund, warum so genannte Frontklippgeschirre, bei denen die Leine vorne an der Brust einrastet, für Dackel ungeeignet sind. Sie verstärken die mechanische Belastung beim Ziehen, lenken die Kraft auf die ohnehin empfindliche Wirbelsäule und erhöhen das Schmerzrisiko bei jeder aufgeregten Begegnung. Für Dackel gehören nur normal rückseitig angeschlossene, gut gepolsterte oder maßgefertigte Geschirre an den Hund.

Die falsch gelesene Begrüßung

Ein erheblicher Teil des Problems wäre vermeidbar, wenn Halter ihre Hunde besser lesen würden. In der Praxis ist die Körpersprachenkompetenz vieler Hundebesitzer beunruhigend gering. Drei Fehllesungen sind besonders häufig.

Der wedelnde Schwanz

Im breiten kulturellen Verständnis bedeutet ein wedelnder Schwanz, dass der Hund freundlich ist. Im verhaltensbiologischen Verständnis bedeutet er, dass der Hund in Erregung ist. Welcher Qualität diese Erregung ist, lässt sich nicht am Schwanz allein, sondern nur in der Kombination mit Rutenposition, Augen, Maul, Körperspannung und Bewegungsachse lesen. Ein hoch über dem Rücken steil gehaltener, schnell und kurz wedelnder Schwanz ist meist Imponiergestus und kann unmittelbar in Aggression umschlagen. Ein tief gehaltener, weich seitwärts schwingender Schwanz ist Beschwichtigung. Ein steif aufrecht stehender, langsam vibrierend wedelnder Schwanz ist eine deutliche Drohung. Halter, die „er wedelt doch“ sagen, während ihr Tier mit hochgestellter Rute und fixiertem Blick auf den Hund vor ihm zugeht, beschreiben das, was sie sehen, korrekt, deuten es aber falsch.

Der freudige Zug an der Leine

Ein Hund, der mit straffer Leine, hochgezogenen Schultern und niedrigem Kopf auf einen anderen zuzieht, wirkt für den ungeübten Blick interessiert und freundlich. Tatsächlich ist diese Körperhaltung die klassische Imponierannäherung, die zwischen zwei Hunden im Freilauf entweder sofort vom Gegenüber durch Bogenlaufen entschärft oder durch eine eskalierte Gegenantwort beantwortet würde. An einer Leine kann das Gegenüber nicht ausweichen. Es bleibt nichts, als die Spannung in eine Aggression umzulenken.

Das eingefrorene Wedeln in unmittelbarer Nähe

Hunde, die nach drei oder vier Sekunden Beschnüffeln bewegungslos werden, mit hochgezogenem Hinterteil stehen bleiben, den Kopf über den Widerrist des anderen legen oder die Pfote auf seinen Rücken legen, werden von ihren Haltern als „Hallo sagen“ beschrieben. Aus hündischer Sicht ist das eine deutliche Imponiergeste, die in der Regel die nächste Sekunde mit einer Auseinandersetzung beendet. Wer einmal gesehen hat, wie zwei erwachsene, ranggleiche Hunde in dieser Konstellation enden, hat eine Vorstellung davon, wie schnell aus einer freundlichen Begegnung ein Vorfall wird.

Was die Forschung im Detail zeigt

Über den allgemeinen Bezug auf Studien hinaus lohnt es sich, einige Befunde konkret zu benennen, weil sie die Praxisempfehlungen tragen.

Beerda und Kollegen führten in den späten Neunziger Jahren an der niederländischen Universität Utrecht eine viel zitierte Untersuchung durch, in der sie Beagles unterschiedlichen Reizsituationen aussetzten: lauten Geräuschen, plötzlichen Berührungen, restriktiver Anbindung, Konfrontation mit fremden Hunden. Sie erfassten Speichelcortisol, Herzfrequenz und Verhaltensindikatoren. Die wesentlichen Befunde lauteten: Restriktive Anbindung und die Konfrontation mit fremden Artgenossen führten zu signifikant erhöhten Cortisolwerten, die mit Verhaltensindikatoren wie Beschwichtigungssignalen, Erstarren und gedrückter Körperhaltung korrelierten (Beerda et al. 1998).

Eine spätere Folgearbeit der Arbeitsgruppe (Beerda et al. 1999) untersuchte langfristig restriktiv gehaltene Tiere und fand veränderte Reaktionsprofile auch außerhalb akuter Stresssituationen, was als Hinweis auf eine chronische Aktivierung des Stresssystems gelesen wurde.

Karen Overall (Overall 2013) berichtete in ihrer klinischen Aufarbeitung über mehrere hundert Fälle von Hunde-Hunde-Aggression in der Verhaltenssprechstunde der University of Pennsylvania, dass ein hoher Anteil dieser Fälle anamnestisch mit unkontrollierten Leinenbegegnungen im ersten Lebensjahr in Zusammenhang stand. Sie folgerte daraus, dass die routinemäßige Erlaubnis solcher Begegnungen ein vermeidbarer Risikofaktor für die spätere Entwicklung von leinenbezogener Aggression sei.

Im deutschsprachigen Raum hat Clarissa von Reinhardt (von Reinhardt 2008) auf der Grundlage einer mehr als zwanzigjährigen Trainingspraxis ähnliche Beobachtungen systematisch beschrieben. Sie betont besonders die Bedeutung der Distanz und des aktiven Eingreifens des Halters in der Sozialisation des Junghundes.

Dorit Feddersen-Petersen, eine der wenigen deutschsprachigen Verhaltensbiologinnen mit umfangreicher ethologischer Feldforschung an Wölfen und Hunden, hat in ihrem Hauptwerk (Feddersen-Petersen 2008) detailliert beschrieben, in welchen Schritten hündische Begegnungen normalerweise ablaufen und wie tief die formalisierten Annäherungsrituale in der Art verankert sind. Ihre Beobachtungen an freilebenden und halbfreien Hundegruppen zeigen, dass die spontane gegenseitige Begrüßung fremder Hunde in der Natur eine ausgesprochen seltene Situation ist, deren Häufigkeit unter Haushunden überwiegend ein Artefakt menschlicher Halterpraxis ist.

Was diese Befunde zusammen sagen, lässt sich knapp formulieren. Restriktion erzeugt Stress, Stress erhöht die Reaktivität, erhöhte Reaktivität bei eingeschränkten Verhaltensoptionen führt zu Aggression. Die Begegnung an der Leine vereint alle drei Faktoren zur selben Zeit.

Warum gerade Dackel besonders gefährdet sind

Eine kurze, rassespezifische Bemerkung gehört an dieser Stelle dazu. Dackel sind aus mehreren Gründen für die hier beschriebene Entwicklung überdurchschnittlich anfällig. Sie sind eigenständig gezüchtet, neigen also dazu, soziale Verantwortung selbst zu übernehmen, wenn der Halter es nicht tut. Sie sind körperlich klein, was sie in jeder frontalen Begegnung im Nachteil sieht, weshalb sie früh in Distanzkommunikation gehen. Sie haben eine ausgeprägte territoriale Komponente, die in der Verteidigung des Halters wirkt. Sie sind, was viele Laien nicht wissen, eine eigenständige, in der FCI in Gruppe vier separat geführte Rassengruppe von neun Schlägen, nicht nur drei oder vier Varianten einer Rasse, und ihr ganzes Wesen ist auf eigenständige Entscheidung im Bau gegen wehrhaftes Wild gezüchtet. Ein Dackel, der die Begegnungsregie übernehmen soll, übernimmt sie. Und mit Nachdruck.

Wer also einen Dackel hält, hat eine schmalere Toleranzbreite für die hier beschriebenen Fehler als beispielsweise der Halter eines weichen Familien-Labradors. Bei jenem dauert es zwölf Monate, bis aus dem unklaren Begegnungssystem ein leinenaggressiver Hund wird. Beim Dackel dauert es oft fünf bis sechs.

Was an die Stelle des Begrüßenlassens tritt

Die berechtigte Frage des Halters lautet nun: Was soll man dann tun? Mein Hund will doch trotzdem manchmal Sozialkontakte. Ich kann ihn doch nicht isolieren.

Die Antwort, die viele Halter zunächst unbequem finden, lautet: Sozialkontakte gehören in den Freilauf, mit ausgewählten, bekannten Spielpartnern, in passender Umgebung, auf passendem Aktivitätsniveau. An der Leine gehört der Hund neben den Halter, fokussiert oder zumindest ruhig, mit klar erkennbarem Verständnis dafür, dass die Leine ein Arbeitsmodus ist, nicht eine Bühne für unkontrollierte Begegnungen.

Die vier Grundsätze der Leinenbegegnung

  1. Mindestabstand anderthalb bis zwei Meter. Begegnungen werden so geplant, dass der eigene Hund nicht in den unmittelbaren Schnüffelradius des anderen kommt. Schon dieser einzelne Punkt verhindert die meisten Eskalationen.
  2. Frontale Begegnungen durch Bogenlaufen entschärfen. Wer einen anderen Hund auf demselben Weg sieht, geht zwei Schritte zur Seite, lockert die Leine, dreht sich nicht weg, sondern bewegt sich seitlich auf höherer Linie weiter. Der eigene Hund lernt durch das Bogenlaufen, dass der Halter die Situation steuert.
  3. Aktive Halterführung vor der Begegnung. Der eigene Hund wird vor dem Aufeinandertreffen angesprochen, der Halter nimmt aktiv Position ein, die Leine wird locker gehalten, die Aufmerksamkeit des Hundes wird auf den Halter gerichtet, etwa über ein bekanntes Aufmerksamkeitswort. Der Hund erfährt: Mein Mensch regelt das.
  4. Kontakt nur in der Drei-Sekunden-Variante, wenn überhaupt. Eine Begegnung im Sinne eines kurzen Beschnupperns findet, wenn überhaupt, nur statt, wenn beide Halter klar zugestimmt haben, beide Hunde sich seitlich genähert haben, beide Leinen locker hängen und beide Tiere weiche, lockere Körper zeigen. Sie dauert maximal drei Sekunden. Danach gehen beide Teams in unterschiedliche Richtungen weiter.

Wer diese Regel konsequent umsetzt, wird in den meisten Begegnungen feststellen, dass eine Begrüßung überhaupt nicht stattfindet. Die Hunde nehmen einander wahr, ziehen vorbei, das war es. Genau so ist es richtig. Die Vorstellung, jede Begegnung müsse mit Schnüffelkontakt enden, ist eine menschliche Idee, kein hündisches Bedürfnis.

Wichtig ist, was dies für die Erziehung des Junghundes bedeutet. Die ersten zwölf bis achtzehn Monate sind die kritische Phase, in der die hier beschriebenen Verkettungen entweder gar nicht erst aufgebaut werden oder sich verfestigen. Wer in dieser Zeit seinen Hund von jeder ungesteuerten Leinenbegegnung fernhält und ihm stattdessen ausgesuchte Spielbegegnungen im Freilauf mit kompatiblen Partnern bietet, hat die größte Investitionsrendite eines Hundelebens vorgenommen. Wer in dieser Zeit jeden Spaziergang als soziales Forum versteht, in dem der Hund sich austoben darf, baut die spätere Leinenaggression mit der gleichen Sicherheit auf, mit der eine Mauer aus Steinen gemauert wird.

Eine ehrliche Schlussbetrachtung

Wer bis hierher gelesen hat, hat eine Reihe unbequemer Befunde aufgenommen, und es ist wichtig, sie nicht zu beschönigen.

Leinenaggression ist in der überwiegenden Zahl der Fälle ein hausgemachtes Problem. Sie ist die zuverlässige Konsequenz einer Praxis, die in deutschen Städten und Dörfern, in Hundewiesen, auf Feldwegen, im Park, allerorts und tagtäglich ausgeübt wird, von Haltern, die das Beste wollen, aber das Falsche tun. Sie ist nicht das Ergebnis bösartiger Hunde, sondern das Ergebnis einer kollektiven Fehleinschätzung darüber, was Hunde brauchen und was sie ertragen können.

Diese Wahrheit zu hören, ist nicht angenehm. Halter, deren Hunde an der Leine in Aggression gefallen sind, haben Schuldgefühle, sind erschöpft, sehen sich oft Vorwürfen ausgesetzt, leiden mit ihrem Tier mit. Das letzte, was sie brauchen, ist die Information, dass sie selbst es waren, die das Verhalten erzeugt haben. Trotzdem hilft nur diese Information weiter, weil aus ihr die wirksame Veränderung folgt. Wer weiß, dass er die Leinenaggression mit jeder freigegebenen Begegnung weiter trainiert, hört auf, Begegnungen freizugeben. Wer glaubt, sein Hund sei „halt einfach so“, ändert sein Verhalten nicht und verfestigt das Problem.

Die gute Nachricht ist, dass Leinenaggression bei der Mehrheit der Hunde, die nicht über Jahre verfestigt wurde, durch konsequente Distanzarbeit, Bogenlaufen, Halterführung und Pausen vom Begegnungsgeschehen reversibel ist. Vielleicht nicht vollständig, aber so weit, dass ein normaler Alltag wieder möglich wird. Bei stark verfestigten Fällen oder bei Tieren mit zusätzlichen Faktoren wie Schmerzerfahrung, Mangelsozialisation oder genetischer Vorbelastung ist professionelle Begleitung sinnvoll. Aber auch dann lautet der erste Schritt: keine Leinenbegegnungen mehr.

Diese drei Worte sind die wichtigste Botschaft dieses Artikels. Wer sie umsetzt, hilft seinem Hund mehr als jedes Trainingsprogramm. Wer sie nicht umsetzt, kann sich jedes Trainingsprogramm sparen.

Ein letzter Satz zum Schluss. Wenn beim nächsten Spaziergang der entgegenkommende Halter den Satz „darf der mal Hallo sagen“ ruft, ist die einzige Antwort, die einem leinenaggressionsfreien Hundeleben förderlich ist, ein freundliches, klares, beiläufiges „nein, danke, wir gehen heute nicht hin“. Es kostet zwei Sekunden Unbehagen. Es spart Jahre.

Daniela Dührkop schreibt seit über drei Jahrzehnten aus eigener Hundeerfahrung. Dackelwissen.de.

Literatur und Quellen

Beerda, B., Schilder, M.B.H., Janssen, N.S.C.R.M., Mol, J.A. (1997): Manifestations of chronic and acute stress in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 52, 307 bis 319.

Beerda, B., Schilder, M.B.H., van Hooff, J.A.R.A.M., de Vries, H.W., Mol, J.A. (1998): Behavioural, saliva cortisol and heart rate responses to different types of stimuli in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 58, 365 bis 381.

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Bradshaw, J. (2011): In Defence of Dogs. Why Dogs Need Our Understanding. Allen Lane, London.

Feddersen-Petersen, D. (2008): Ausdrucksverhalten beim Hund. Mimik und Körpersprache, Kommunikation und Verständigung. Franckh Kosmos, Stuttgart.

Hallgren, A. (2008): Stress, Angst und Aggression beim Hund. Animal Learn Verlag, Bernau.

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Rugaas, T. (2005): Calming Signals. Die Beschwichtigungssignale der Hunde. Animal Learn Verlag, Bernau.

Schöning, B. (2007): Hundeverhalten. Kosmos, Stuttgart.

von Reinhardt, C. (2008): Aggressionsverhalten beim Hund. Animal Learn Verlag, Bernau.


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2 Kommentare zu „Leinen Agressionen selbst gemacht“

  1. Avatar von Beatrix Scharnagl
    Beatrix Scharnagl

    Deine Artikel sind alle klasse, aber dieser sollte Pflichtlektüre für alle Hundemenschen sein! 👏👍😊
    Wir hatten den süßen Welpen, der zu allen hin wollte, dann war er „plötzlich“ ein Leinenrambo!
    Als Leo mal von sich aus „im Bogen“ an einem übel fixierenden Hund vorbei gelaufen ist, hab ich mir das von meiner Trainerin erklären lassen. Seitdem achte ich mehr auf meine ruhige Führung, Distanz, Bogen und spreche Leo öfter an.
    Und wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, drehe ich vor dem Zusammentreffen auch mal um, egal ob ich damit einen blöden Kommentar ernte 😊

    1. Avatar von Daniela Dührkop

      Ich glaube, das sind Dinge, welche die Menschheit nie verstehen wird

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