
Ich hatte bis zu diesem Tag genau eine Welt.
Sie bestand aus Gras, Gerüchen und den Wegen, die ich kannte, weil ich sie jeden Tag gegangen war. Das war keine Metapher, das war wörtlich so. Meine Wiese war die Welt. Wenn man dort groß wird, kommt man nicht auf die Idee, dass hinter dem Zaun noch etwas sein könnte. Nicht, weil man es ausschließt, sondern weil es schlicht nicht vorkommt.
Ich hatte zwar das Gefühl, meine Dackelwelt ist schon riesig gewesen, aber hier offenbarten sich offenbar ganz neue Perspektiven.
Dann kam Daniela.
Sie roch nach „heute passiert was“ und trug diese ruhige Entschlossenheit im Gesicht, die Menschen haben, wenn sie etwas tun, das sie später als „schön“ bezeichnen werden, obwohl es in dem Moment eher nach Umbruch riecht. Ich wurde hochgenommen, gehalten, eingepackt in Wärme und Hände und plötzlich war Bewegung überall.
Das Auto summte, vibrierte, machte aus der Luft etwas Neues. Ich lag da und merkte: Die Welt kann also auch fahren.
Irgendwann hielt Daniela an. Nicht dort, wo ich hin sollte, sondern auf einer Wiese, irgendwo dazwischen. Sie hob mich raus, stellte mich ab, und meine Pfoten fanden wieder Gras. Für einen Moment war alles gut, weil Gras Gras ist und ich das kannte.
Daniela kniete sich zu mir. Ihre Hand kurz am Rücken, nicht fest, eher wie ein Satzzeichen: Ich bin da.
„So, Paul“, sagte sie leise. „Und jetzt…“
Ich wusste nicht, was „jetzt“ war. Auf meiner Wiese hieß „jetzt“ meistens: fressen, schlafen oder jemand riecht interessant.
Dann sah ich ihn.
Er stand da, als hätte ihn jemand in die Landschaft gestellt, damit ich begreife, dass meine Welt eine Lücke hatte. Ein Dackel, ja. Aber so groß, dass mein Blick nach oben musste, bis ich fast umkippte. So einen großen Dackel hatte ich noch nie zu Gesicht bekommen. Sein Fell glänzte dunkel und lang, als hätte er die Zeit gehabt, ordentlich zu werden. Seine Beine waren keine Beine mehr, das waren Argumente.
Daniela sagte: „Floyd.“
Floyd. Er gehörte hier offenbar zum Rudel
Und in meinem Kopf passierte etwas sehr Einfaches: Das ist ein Dackel. Ein sehr großer Dackel. Ich kannte ja nichts anderes. Auf meiner Wiese gab es Dackel. Ende der Liste.
Ich hatte schon vermutet, dass die Welt groß, doch groß ist, aber so groß, wie sich mir die Welt jetzt darstellt, habe ich mir das überhaupt nicht vorgestellt.
Floyd blieb stehen. Nicht drohend, nicht eilig. Er schaute mich an mit einem Blick, der nicht fragte, ob ich bleiben darf, sondern eher, was genau ich eigentlich bin.
Ich stellte mich gerade hin. Nicht aus Mut. Eher aus Instinkt. Wenn man klein ist, hilft es, so zu tun, als hätte man die Lage im Griff.
Floyd setzte sich. Ein großer Hund, der sich setzt, macht damit klar: Ich könnte anders, aber ich muss nicht.
Er senkte den Kopf langsam, bis seine Nase in meine Nähe kam. Nicht in meine Mitte, nicht in mich hinein, sondern mit dieser Vorsicht, die bei großen Wesen plötzlich wie Höflichkeit wirkt. Seine Luft war warm, sie streifte mein Gesicht, und ich blieb stehen, weil ich noch nicht wusste, wohin man ausweicht, wenn es bisher nur eine Wiese gab.
Ich schnupperte. Er schnupperte. Das war kein Gespräch, das war ein Abgleich. Wo komme ich her. Was bringe ich mit. Ob ich Ärger bin oder einfach nur neu.
Daniela hielt Floyds Leine locker. Ich merkte es sofort, weil „locker“ bei Daniela nicht zufällig passiert. Wenn Daniela locker ist, ist das eine Entscheidung. Und wahrscheinlich hatte sie sich vorgenommen, heute alles richtig zu machen.
Floyd stand wieder auf und ging ein paar Schritte weg. Langsam. Nicht als Rückzug, eher als Einladung: Komm, wir bewegen uns, dann wird’s normaler.
Ich blieb kurz stehen. Nicht trotzig. Nur… vorsichtig. Dann ging ich hinterher, kleine Schritte in ein Gras, das zwar wie Gras roch, aber nicht wie meins.
Floyd drehte sich einmal um, sah mich an, und sein Blick sagte nichts Spektakuläres. Das war vielleicht das Beste daran.





Was Daniela da eigentlich gemacht hat (ohne es laut zu sagen)
Sie hat nicht vor dem Haus geparkt. Sie hat uns auf neutralen Boden zum kennenlernen zusammengebracht.
Das war der erste kluge Zug. Zuhause riecht alles nach Floyds Besitz und ich wäre der einzige Fremde. Hier sind wir alle fremd, es gibt keine Besitzansprüche. Nach „meins“. Nach „hier liege ich“. Auf einer fremden Wiese roch es nach… nichts Persönlichem. Das nimmt Druck raus. Auch wenn ich damals noch dachte, Wiese sei grundsätzlich die ganze Welt.
Dann hat Daniela Abstand gelassen.
Nicht so viel, dass man sich anschreien muss, aber genug, dass ich Floyd ansehen konnte, ohne dass seine Nase sofort in meinem Gesicht parkt. Für kurze Beine ist Abstand nicht Luxus, sondern Sicherheitsabstand. Große Hunde sind oft freundlich, aber ihr „nur mal kurz gucken“ ist bei mir schon ein halber Wohnungswechsel.
Sie hat die Leine von Floyd locker gehalten.
Das klingt banal, ist es aber nicht. Eine straffe Leine fühlt sich an wie: Gleich passiert was. Eine lockere Leine fühlt sich an wie: Du darfst dich bewegen. Floyd durfte stehen bleiben. Floyd durfte einen Schritt vor. Ich durfte einen zurück. Das war wichtig, weil ich in dem Moment nur zwei Zustände kannte: „hier“ und „zu viel“.
Und Floyd durfte entscheiden.
Er saß zwischendurch. Er schnupperte an Gras, als wäre es eine wissenschaftliche Untersuchung. Das war vermutlich Absicht. Nennt sich Übersprungshandlung. Machen erwachsene Hunde immer, wenn sie nicht wissen, wie sie mit einer Situation umgehen sollen. Werde ich mir mal merken.
Große Hunde können allerdings auch sehr gut so tun, als wären sie mit super wichtigen Dingen beschäftigt, damit Kleine Dackelwelpen nicht denken, sie wären im Fokus. Ich habe das später übernommen. Erziehung ist ansteckend.
Dann hat Daniela uns nebeneinander laufen lassen, nicht frontal zusammengeklappt wie zwei Einkaufswagen.
Nebeneinander ist weniger Konfrontation. Nebenbei kann man sich riechen, ohne gleich ein Urteil fällen zu müssen. Und für einen Dackelwelpen ist „nebenbei“ überhaupt die einzige Art, wie man solche Größenverhältnisse verdaut.
Sie hat außerdem keinen Moment künstlich verlängert.
Kein „Jetzt gib ihm doch mal ein Küsschen“. Kein „Bleib mal stehen, ich will ein Foto“. Kein „So, jetzt spielt mal“. Es war kurz, es war ruhig, es hatte Pausen. Für mich war das perfekt, weil mein Kopf in dieser Zeit so viel Neues sortieren musste, dass ich sonst einfach nur … ausgegangen wäre.
Und sie hat Floyd nicht zum Babysitter gemacht. Floyd wollte keinen Welpen, Daniela wollte einen Welpen. Somit war klar: Floyd wurde nicht dazu gezwungen, mich gern haben zu müssen und ich auch nicht.
Das ist mir später klar geworden. Er musste mich nicht „bespaßen“. Er musste mich nicht „erziehen“. Er durfte einfach groß sein und vernünftig. Und ich durfte klein sein und so tun, als wäre das normal.
Dackel-Details, die sich für mich wirklich anders anfühlten
Ich war nicht nur kleiner. Ich war tiefer.
Das ist ein Unterschied, den Menschen gern übersehen. Alles passiert über meinem Kopf: Schnauzen, Pfoten, Körper. Wenn ein großer Hund sich dreht, bin ich schnell da, wo sein Bauch ist. Daniela hat mich deshalb nicht ständig „hingestellt“ wie eine Vase, sondern mich so gelassen, dass ich meinen Platz selbst finden konnte.
Was von dem ersten Treffen hängen blieb:
Floyd war groß.
Aber er war nicht in Eile.
Und Daniela hat es geschafft, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich müsse in den ersten fünf Minuten entscheiden, ob ich jetzt mutig, frech oder tot stelle. Ich durfte einfach da sein. Wiese. Luft. Floyd. Daniela irgendwo hinter uns, still genug, dass ich sie nicht auch noch sortieren musste.
Daniela hat einen super Beitrag über Dackelwelpen geschrieben, das findest Du hier: Alles über Dackelwelpen










